personalmagazin 07/2015 - page 18

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TITEL
_NEW WORK
personalmagazin 07/15
Bei Fragen wenden Sie sich bitte an
Die bekannten Mitarbeiter-Benefits wie
Rutschen im Büro und Fitness-Center auf
demCampus machen also auch bei Google
wahres New Work nicht aus.
Doch auch außerhalb der reinen Soft-
warebranche sind Beispiele zu NewWork
zu finden. So setzt auch der Online-Händ-
ler Rewe digital auf Kreativarbeit ohne
fixe Arbeitszeiten inner- und außerhalb
der loftartigen Büroräume. Dabei bleibt
das Ziel nicht auf der Strecke. Rewe sagt
klar: „Wir wollen nicht das agilste Unter-
nehmen Deutschlands werden, sondern
der erfolgreichste Lebensmittel-Online-
Händler.“ Dass der Weg dorthin – auch
für Start-ups – nicht leicht ist, lässt sich
am Beispiel des Unternehmens De-Cix
ablesen: Allein Incentives sind keine
Antwort auf eine nötige kulturelle Trans-
formation, so das Resümee der Unterneh-
mensleiter. Sie haben über Coachings zu
ihremWeg von NewWork gefunden – auf
dem sie sich kontinuierlich weiterentwi-
ckeln. Und gerade das ist das Spannende
an den Beispielen: Viele mutige Unter-
nehmen experimentieren und suchen
nach ihrem individuellen Weg. Dabei
bauen sie ganz im Sinne des agilen Ma-
nagements Feedback-Schleifen ein und
lernen so aus ihren Erfahrungen.
Man kann sich sicherlich fragen, ob da-
ran so vieles anders und neu ist als bisher:
Sind nicht die heutigen agilen Unterneh-
men die flexiblen Firmen von gestern?
Gehört die starke Selbstverantwortung
der Mitarbeiter nicht schon lange zum
mitarbeiterorientierten Führungsstil?
Man kann auch einigen Unternehmen
unterstellen, dass sie die New-Work-Welle
nur als Marketinginstrument nutzen, um
sich und ihren Produkten einen höheren
Bekanntheitsgrad inklusive dem coolen
Image zu verschaffen. Doch man muss
den New-Work-Modellen auch einfach
einmal die Chance geben, sich zu entfal-
ten – und von ihren Erfahrungen lernen.
Dann sieht man, was nur hip ist und was
für echten Mehrwert sorgt.
Den derzeitigen Wandel der Arbeitswelt sieht die Evangelische Kirche als Anlass zur Sorge.
Mit einer Denkschrift möchte sie „Maßstäbe zur Gestaltung der Arbeitswelt“ vorlegen.
Als Heinrich Bedford-Strohm, der neue
Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche
in Deutschland (EKD), die neue Denkschrift
„Solidarität und Selbstbestimmung im
Wandel der Arbeitswelt“ vorstellte, äußerte
er heftige Kritik an der Auseinanderent-
wicklung der Einkommen: „Die Unter-
schiede sind zu groß. Wer gesellschaftliche
Teilhabe für die Menschen fordert, wie dies
in christlicher Hinsicht unabdingbar ist, der
kann sich mit sozialer Ungerechtigkeit nicht
abfinden.“
Die neue Denkschrift enthält eine Reihe
solcher Zuspitzungen, die in der Wirtschaft
polarisieren und in den ersten Reaktionen
auf die Denkschrift herausgestellt wurden.
Diese Zuspitzungen verdecken ein Stück
weit das Hauptanliegen der Verfasser:
Welche Orientierung hat die christliche Ethik
angesichts der massiven Veränderungen
durch die Globalisierung und Digitalisierung
der Wirtschaft anzubieten?
Die Studie erinnert zunächst an die positive
Einstellung der Christen zu Arbeit: Der
Mensch wurde von Gott beauftragt, in der
Schöpfung zu arbeiten, sie zu gestalten und
zu bewahren. Das Ideal sei aber nicht das
„rastlose Tätigsein“, sondern die „sinn-
volle Einbeziehung aller Menschen in die
Wirtschaft“. Arbeit, Märkte und Wettbewerb
seien in christlicher Tradition „nie Selbst-
zweck“, sondern dienen immer dem Ziel,
„alle am dadurch geschaffenen Wohlstand
teilhaben zu lassen“.
Auf Basis dieser Wertorientierung werden
die Chancen der Digitalisierung für die
Gestaltung der Arbeitswelt positiv darge-
stellt: Flache Hierarchien, selbstbestimmtes
Arbeiten und Cloud-Working bieten vielen
Menschen die Möglichkeit, „entfremdete
Tätigkeiten“ zu überwinden und eine
Erfüllung in der Arbeit zu finden. Auch die
verstärkte Suche nach sinnvoller Arbeit und
die Wertschätzung der Kooperation, wie sie
in der New-Work-Bewegung zum Ausdruck
kommt, stehen im Einklang mit der christli-
chen Tradition.
Die Denkschrift beschäftigt sich aber auch
Leitplanken der christlichen Ethik
MEINUNG
mit den Schattenseiten der neuen Arbeits-
welt – was positiv zu würdigen ist: Die
schon genannten Einkommensunterschiede,
befristete Arbeitsverhältnisse, Leiharbeit
oder Frustrationserfahrungen angesichts
Überforderungen oder ungenutzter Poten-
ziale. Auch der Maßstab der Kritik ist für
Christen konsequent gewählt: „Aus dem
Einsatz Jesu für die Ausgestoßenen und
Ausgegrenzten entsteht die biblische Option
für die Armen als Option für die gesamte
Gesellschaft.“ Weniger einleuchtend ist
allerdings, warum diese jahrtausendalte
Tradition als Option für das Sozialpartner-
schaftsmodell und die Gewerkschaften
interpretiert wird: Die Erosion der Sozial-
partnerschaft wird beklagt und die Mitar-
beit in den Gewerkschaften für christliche
Arbeitnehmer als „wesentlicher Ausdruck
ihres Berufsethos“ gesehen. Die neuen
Modelle der Partnerschaft in den Betrieben,
die gerade in der New-Work-Bewegung dis-
kutiert und auch von der Bundesarbeitsmi-
nisterin Andrea Nahles unter dem Stichwort
„Arbeiten 4.0“ aufgegriffen werden, fallen
unter den Tisch. Leider auch kein kritisches
Wort zu den „Christlichen Gewerkschaften“,
die wesentlich zum Lohndumping in der
Leiharbeit beigetragen haben.
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