personalmagazin 10/2015 - page 27

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ihre Persönlichkeit grundsätzlich dazu
neigen, sich zu verausgaben. Überstei­
gerte Verausgabungsneigung („over-
commitment“) ist ein zeitlich recht sta­
biles Persönlichkeitsmerkmal, das vom
beruflichen Umfeld relativ unabhängig
ist. Gleichwohl sind Menschen mit ho­
her Verausgabungsneigung empfängli­
cher für Anreize des ständigen Mehrar­
beitens in ihrem beruflichen Umfeld.
Es macht zudem einen Unterschied,
ob ein Unternehmen eine Person mit
hoher oder geringer Verausgabungsnei­
gung zur Führungskraft und damit auch
zumVorbild für seine Mitarbeiter macht.
Durch die Nachahmung des Verhaltens
der Führungskraft („soziales Lernen“)
und die Belohnung von exzessivem
Arbeiten durch Lob und Anerkennung
(„operantes Konditionieren“) kann ar­
beitssüchtiges Verhalten von Kollegen
und Vorgesetzten erlernt werden.
Neben individuellen und sozialen
Faktoren spielt die Unternehmenskul­
tur eine große Rolle. Organisationen
und Branchen, deren Selbstverständ­
nis und Mission von Werten wie Fleiß,
Einsatz und Selbstaufgabe geprägt ist
(„Ohne Fleiß kein Preis“), nähren, so
der Organisationsberater Stefan Pop­
pelreuter, die „innere Erlebenswelt des
Workaholics“. So wundert es nicht, dass
Personen, die im sozialen Bereich und
Gesundheitswesen tätig sind, und auch
Selbstständige überdurchschnittlich
stark von Arbeitssucht betroffen sind.
Das Arbeitsumfeld von Arbeitssüchtigen
zeichnet sich durch hohe Anforderungen
bei einem Mangel an sozialer Unterstüt­
zung aus. Ob Arbeitssucht zu Rückzug
und sozialer Isolation am Arbeitsplatz
führt oder umgekehrt der Mangel an
sozialer Unterstützung das Risiko von
Arbeitssucht steigert, ist dabei noch un­
klar.
PROF. DR. UTE RADEMACHER
ist promovierte Diplom-
Psychologin und Professorin
für „Psychology & Manage-
ment“ an der International School of Ma-
nagement in Hamburg. Sie arbeitet zudem
als Business Coach und Fachbuchautorin.
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