wirtschaft und weiterbildung 2/2018 - page 29

wirtschaft + weiterbildung
02_2018
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tionsmethoden erarbeitet, um neues Wis-
sen zu etablieren und anzuwenden. Die
Teilnehmer müssen den Umgang mit Un-
gewissheit, Mustererkennung, Offenheit
und Neugier einüben. Eine Kultur des
Experimentierens muss gefördert werden.
Es geht darum, ein dysfunktionales Mind-
set in ein Global Mindset umzuformen.
Selbstengagement und Selbststudium von
globalen Nachrichten, Zeitungen, Publi-
kation, Industriereports sind dafür ein
guter Anfang.
Ebene zwei:
affektive/emotionale
Entwicklung
Eine Schlüsselrolle in der Entwicklung
eines Global Mindset stellt der emoti-
onal-affektive Bereich dar. Hierbei ist
zunächst wichtig zu wissen, wer man
selbst ist – wie man denkt, Dinge wahr-
nimmt, sich selbst realistisch einschätzt,
wie man Konflikte löst, verarbeitet und
wahrnimmt, welche Einstellung man
gegenüber anderen hat. Das bedeutet
die Kenntnis über das eigene „Selbst-
konzept“. Eine emotionale Offenheit
mitzubringen und Herausforderungen
mutig anzugehen, sind hier fundamen-
tale Säulen im Selbstwert. Selbstreflexion
und Transformation der Identitäten sind
wichtige Schritte im Lernprozess. Einige
Studien sprechen vom sogenannten „psy-
chologischen Kapital“, welches aus Hoff-
nung, Resilienz, Selbstwirksamkeit und
Optimismus geprägt ist. Dies sollte nach
und nach aufgebaut werden. „Mindful-
ness“ spielt dabei eine wichtige Rolle zur
Entwicklung auf emotionaler Ebene.
Ebene drei:
verhaltensorientierte
Entwicklung
Die verhaltensorientierte Perspektive ist
eine von außen sichtbare: wie sich je-
mand verhält, welche Körpersprache er
hat, wie er auf Emotionen reagiert und
wie er mit anderen interagiert. Soziales
Netzwerken mit Kollegen und Kunden ist
dazu erforderlich und praktizierte Lern­
erfahrungen im Ausland unumgänglich:
die Bereitschaft mit anderen in Kontakt
zu treten, die Fremdsprache proaktiv zu
lernen, kommunikativ zu sein, eine Of-
fenheit mitzubringen. Kollaborations-
bereitschaft, Flexibilität, Anerkennung
und Bescheidenheit gegenüber anderen
sind Erfolgsfaktoren in der Entwicklung
ebenso wie der Wille, aus Erfahrungen
etwas Positives mitzunehmen und wei-
terzulernen.
Ebene vier:
kulturelle Entwicklungs-
ebene
Die kulturelle Ebene ist eine Ebene aus
tatsächlich gemachten Erfahrungen. Man
kann Kultur nicht lernen, sondern nur
erfahren. Lernstile sind kulturell geprägt.
Interkulturelles Verständnis, interkultu-
relle Anpassungsfähigkeit und kulturelle
Kompetenzen muss man erst erlernen. In-
terkulturelle Sensitivitätstrainings können
nur darauf vorbereiten.
Es geht ums Entdecken
Bei der Entwicklung eines Global Mind-
set geht es um das Entdecken, sowohl
persönlich als auch interaktionell. Neues
Wissen wird geschaffen durch Handlun-
gen, Entscheidungen, Erfahrungen und
Lernprozesse. Gefühle brauchen länger,
bis sie sich anpassen. Die Dinge müssen
neu bewertet werden – und das benötigt
einfach Zeit zur Reflexion.
Jörg Hruby
Kulturelle Unterschiede bewusst machen
Beispiele.
In einem Beitrag auf seiner Website erklärt der Harvard-Professor Pankay Ghemawat unter-
schiedliche Probleme der internationalen Zusammenarbeit, die auf kulturellen Unterschieden beruhen.
Anhand von Beispielen zeigt er, welche verschiedenen Denkweisen dahinterstecken.
Ghemawat hat auf seiner Website den Bei-
trag „National Cultural Differences and Mul-
tinational Business“ veröffentlicht. Darin
greift er die sechs Kulturdimensionen nach
Geert Hofstede (Machtdistanz, Kollektivis-
mus/Individualismus, Maskulinität/Femini-
tät, Ungewissheitsvermeidung, lang-/kurz-
fristige Ausrichtung, Nachgiebigkeit und
Beherrschung) auf und erklärt, wie deren
kulturell unterschiedliche Ausprägung zu
Missverständnissen führen kann.
Beispiel eins: Angeber versus Trottel
Ghemawat bemüht zu Beginn ein Beispiel,
das von Hofstede selbst stammt: Der Nie-
derländer hatte sich in jungen Jahren bei
einem US-Konzern beworben – allerdings
ohne Erfolg. Später beschrieb der Wissen-
schaftler das kulturelle Missverständnis,
an dem er gescheitert war: Niederländische
Bewerber würden sich aus amerikanischer
Sicht nicht gut genug verkaufen mit ihren
kurzen, bescheidenen CVs. Amerikanische
Lebensläufe wiederum würden für Nieder-
länder übertrieben erscheinen, da sie vor
Superlativen strotzten. Amerikaner würden
also Niederländer für Trottel halten – und
Niederländer Amerikaner für Angeber.
Beispiel zwei: Keine Kritik am Chef
Doch auch, wenn kulturelle Unterschiede
zu Missverständnissen führen können:
Manchmal können sie auch Leben retten.
Das macht Ghemawat an einem beson-
ders tragischen Beispiel deutlich: Zwischen
1970 und 2000 hatte die südkoreanische
Fluggesellschaft Korean Air eine hohe Zahl
an Flugzeugabstürzen zu beklagen. Eine
Analyse der auf den Blackboxes aufgezeich-
neten Gespräche aus den Unglücksfliegern
ergab: Die Co-Piloten und Flugbegleiter –
alle Koreaner – unterwarfen sich im Cock-
pit ganz der Meinung des Kapitäns. Selbst
wenn der Absturz kurz bevorstand, wider-
sprachen sie dem Ranghöheren so gut wie
nie. Der Hintergrund, schreibt Ghemawat: In
Korea sei es kulturell nicht akzeptiert gewe-
sen, Vorgesetzten zu widersprechen.
Mehr zum Thema finden Sie auf Pankay
Ghemawats Website:
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