CONTROLLER Magazin 6/2017 - page 58

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Versorgungssicherheit in der Lebensmittel- und
damit Grundversorgung der Bevölkerung aus-
wirken. Wie Untersuchungen in Deutschland,
Österreich und der Schweiz zeigen, ist nur ein
Bruchteil der Bevölkerung in der Lage, sich
über mehrere Tage und ohne externe Unter-
stützung selbst ausreichend zu versorgen.
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Auch das hat unmittelbare Auswirkungen auf
Unternehmen und auf den Wiederanlauf nach
einem solchen Ereignis. Wenn die Menschen
mit sich selbst bzw. mit ihren Familienproble-
men beschäftigt sind, werden sie keinen freien
Kopf bzw. Ressourcen für anderes, wie etwa
die Unternehmensaufgaben, haben.
Verbesserung der persönliche Vorsorge
Diese gesellschaftlich sehr kritische Ausgangs-
situation würde sich jedoch durch einfache
Maßnahmen deutlich verbessern lassen. Etwa
durch eine umfassende Sicherheitskommuni-
kation, die das bestehende Risiko offen kom-
muniziert und die Bevölkerung aktiv in die Kri-
senvorsorge durch die Mobilisierung der Eigen-
vorsorge einbindet. Bisherige Risikokommuni-
kationsansätze erreichen jedoch zu wenige
Menschen. Daher war der Aufruf des deut-
schen Bundesinnenministers zur persönlichen
Vorsorge ein sehr wichtiger erster Schritt. Wir
Menschen reagieren jedoch nicht auf einzelne
Meldungen, sondern müssen immer wieder
dazu angestoßen werden. Daher sind weitere
Schritte und Maßnahmen zur Bewusstseins-
schärfung erforderlich.
Unvorbereitete Bevölkerung = Mitarbeiter/
eigenes Personal
Was leider in allen Organisationen – egal ob im
Krisenmanagement, bei Blaulichtorganisationen
oder in Unternehmen – massiv unterschätzt
wird, ist das eigene Personal. Besser gesagt,
die persönliche und familiäre (Nicht-)Vorsorge
auf ein solches oder ähnliches Ereignis. Denn
dadurch ist dieses Personal zwangsläufig nicht
oder nur mehr sehr eingeschränkt für andere
Aufgaben verfügbar. In Unternehmen kann
damit etwa ein sicheres Herunterfahren, ein
etwaiger Notbetrieb oder ein rasches Wieder-
hochfahren nach einem solchen Ereignis nicht
erwartet werden. Und gerade dieser Aspekt
Zudem sprechen wir hier nicht von nationalen
Stromversorgungssystemen, sondern von ei-
nem europäischen Verbundsystem, das nur im
Ganzen funktioniert. Das heißt, das von der
Schweiz erwartete Ereignis würde wahrschein-
lich auch viele andere Länder betreffen. Daher
verwundert es immer wieder, dass es kaum
übergeordnete Risikobetrachtungen gibt, auch
wenn die europäischen Übertragungsnetzbe-
treiber (ENTSO-E) anlässlich des Blackouts in
der Türkei in ihrem Untersuchungsbericht fest-
gehalten haben:
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“A large electric power system is the most
complex existing man-made machine. Alt-
hough the common expectation of the pub-
lic in the economically advanced countries
is that the electric supply should never
be interrupted, there is, unfortunately, no
collapse-free power system.“
Weitreichende Abhängigkeiten sind
selten bewusst
Derzeit kann wohl niemand wirklich abschät-
zen, welche weitreichenden Folgen ein derarti-
ges Ereignis auf unsere hoch synchronisierte
Just-in-Time Logistik und Produktion sowie
auf die generell sehr hohen wechselseitigen
Abhängigkeiten haben wird. Viele Logistikpro-
zesse sind transnational und kleinteilig organi-
siert, was für den Wiederanlauf enorme Her-
ausforderungen schaffen wird. Man erinnere
sich nur an den folgenschweren Streit zwi-
schen VW und zwei kleinen Zulieferfirmen im
Sommer 2016, wo es in Folge zu erheblichen
Produktionsschwierigkeiten und -verzögerun-
gen kam
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. Kaum auszudenken, was es bedeu-
ten könnte, wenn weite Teile der europäischen
Produktion unplanmäßig zum Stillstand kom-
men und wieder hochgefahren werden müs-
sen. Besonders schwerwiegend würde sich
jedoch eine Unterbrechung der sehr hohen
erforderlich, die auch ohne große Kommunika-
tions- und Alarmierungsmaßnahmen anlaufen
und funktionieren (vgl. Abbildung 1).
Zwei Phasen eines Blackouts
Ein Blackout hat zwei wesentliche Phasen:
Phase 1:
Ein totaler bis weitgehender Strom-
und Infrastrukturausfall, welcher je nach Region
Stunden bis Tage dauern wird.
Phase 2:
Die Stromversorgung funktioniert zu-
mindest wieder in weiten Teilen, die anderen In-
frastruktursektoren jedoch noch nicht oder nur
eingeschränkt. Diese Phase kann je nach betrof-
fener Infrastruktur Tage, Wochen und in Teilen
sogar Monate (z. B. Ausfälle in der Tierhaltung)
andauern. Die Phase 2 wird daher zu einer enor-
men gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Be-
lastungsprobe werden (vgl. Abbildung 2).
Mögliche Folgekrise
Strommangellage
In der Schweiz geht man davon aus, dass es
nach einem Blackout zu einer länger andauern-
den Strommangellage kommen könnte, wo rol-
lierende Flächenabschaltungen notwendig wä-
ren, um eine halbwegs brauchbare Notversor-
gung aufrechterhalten zu können. Dabei wer-
den auch die Probleme bei der Produktion und
in der Logistik angesprochen, die zu erhebli-
chen Einschränkungen und wirtschaftlichen
Schäden führen würden. Man spricht hier von
erwartbaren volkswirtschaftlichen Schäden von
bis zu 100 Milliarden Franken. Ein Blackout/
eine Strommangellage wird dabei als ein Ereig-
nis eingestuft, das statistisch alle 30 Jahre auf-
treten kann und neben einer Pandemie zum
wahrscheinlichsten und weitreichendsten Er-
eignis zählt, das die Schweiz in absehbarer Zu-
kunft treffen kann.
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Das letzte große, länder-
übergreifende Blackout ereignete sich 1976.
Abb. 2: Phasen
Ein europaweiter Blackout
1...,48,49,50,51,52,53,54,55,56,57 59,60,61,62,63,64,65,66,67,68,...116
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