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10/17 personalmagazin
Bei Fragen wenden Sie sich bitte an
unter 50 Prozent, obwohl die absolute
Zahl der arbeitslosen Flüchtlinge um fast
40.000 auf rund 196.000 stieg.
Nachholbedarf in der deutschen Spra-
che und das Fehlen formaler Qualifika-
tionen oder Berufserfahrung sind die
Hauptgründe, warum Geflüchtete nur
langsam auf dem Arbeitsmarkt ankom-
men. Die meisten Firmen suchen nicht
Ungelernte, sondern ausgebildete Fach-
kräfte. Genau da haben die Zeitarbeits-
unternehmen ein breiteres Spektrum.
Sie vermitteln die Geflüchteten für Hilfs-
arbeiten im Lager, in der Logistik, in der
Produktion und im Gastgewerbe. Mit un-
bekannten Nationen fremdeln die Zeitar-
beitsfirmen nicht. Denn mit 26 Prozent
ist der Anteil ausländischer Beschäf-
tigter und Mitarbeiter mit Migrations-
hintergrund bei ihnen doppelt so hoch
wie in anderen Branchen. Allerdings
bleibt die Beschäftigung von Geflüchte-
ten besonderen Regeln unterworfen.
„Unbedingter Lernwille“ überzeugt
Pieter Wolters, der 1999 die hofeigene
Bauernkäserei in der Uckermark grün-
dete und 2009 die Q-Regio-Handelsge-
sellschaft zur Vermarktung regionaler
Spezialitäten initiierte, kennt die be-
hördlichen Kompetenzwirren. Der ge-
bürtige Niederländer hat unter seinen
50 Mitarbeitern drei Flüchtlinge: Ein
Bauingenieur aus Kamerun kümmert
sich um Technik in dem Milchviehbe-
trieb, ein junger Mann aus dem Tschad
arbeitet als angelernter Melker und ein
Dritter lernt Landwirt. Deutsch lernen
die Angestellten auf dem Hof. Klappt die
Verständigung nicht so perfekt, greift
Milchbauer Wolters aufs Englische zu-
rück. „Für uns ist es wichtig, dass die
drei ein Gespür haben für unsere Tie-
re“, sagt er. „Alles andere kann man
lernen.“ In dem 250-Einwohner-Flecken
Bandelow in Brandenburg fanden nicht
alle die Idee gut, Fremde in den Ort zu
holen, aber, so Wolters, „inzwischen ist
Respekt gewachsen, denn man hat gese-
hen, dass die Flüchtlinge gut arbeiten
und außerdem nette Menschen sind“.
Diesen Stimmungswandel hat auch
Unternehmerin Susanne Erdmann er-
lebt. Die geschäftsführende Gesellschaf-
terin des Energiespezialisten Willma
Power Safety in Würzburg stellte durch
Vermittlung eines IHK-Flüchtlingslotsen
einen syrischen Elektroingenieur ein,
der an der Uni Damaskus wissenschaft-
licher Mitarbeiter war – zunächst im
Herbst 2016 als Praktikanten. Parallel
absolvierte der Ingenieur 300 Stunden
Deutschunterricht. Seit seinem B2-Ab-
schluss im April arbeitet der anerkannte
Flüchtling nun als Projektingenieur. „Die
lange Einarbeitung und die intensiven Si-
cherheitsunterweisungen haben ihn sehr
gewundert“, erzählt Erdmann. Doch er
fragte viel nach. Der unbedingte Lernwil-
le und das Engagement haben den Vor-
gesetzten und so manchen zögerlichen
Kollegen schnell überzeugt.
Nicht nur das Betriebsklima muss
stimmen, wenn Flüchtlinge eingestellt
werden: Der Weg durch den Paragrafen-
dschungel ist anspruchsvoll. Hier helfen
Verbände und Initiativen wie etwa das
DIHK-Netzwerk „Unternehmen integrie-
ren Flüchtlinge“. Registrierte Mitglieder
tauschen sich zu Flüchtlingsthemen aus,
holen sich Checklisten – und erhalten
regelmäßige Updates zu Gesetzen und
Regularien. Verträge mit Geflüchteten
werden erst gültig, wenn Ausländerbe-
hörde und Arbeitsagentur zustimmen.
Bei diesen Entscheidungen haben die
Behördenmitarbeiter einen Ermessens-
spielraum. So erlebte ein Zahntechniker
im Münsterland, dass er die Genehmi-
gung für einen afghanischen Mitarbeiter
erst im zweiten Anlauf erhielt.
Auch die finanziellen Möglichkeiten
erschließen sich nicht sofort. Erst ein-
mal gelten die Tarife und betrieblichen
Gehaltsvereinbarungen. Doch es gibt
staatliche Geldquellen für zusätzlichen
Sprachunterricht. Außerdem kann der
Arbeitgeber bei der Agentur für Arbeit
oder beim Jobcenter einen Eingliede-
rungszuschuss (EGZ) fürs Arbeitsent-
gelt beantragen, dessen Förderhöhe und
-dauer individuell festgelegt werden.
Auch wenn Firmen ungelernte Beschäf-
tigte während der Arbeitszeit qualifi-
zieren, können Teile des Entgelts und
Lehrgangskosten bezahlt werden – über
das Programm zur Weiterbildung gering
qualifizierter Beschäftigter und Beschäf-
tigter in KMU (WeGebAU).
Pilotprojekt bei der Deutschen Post
Die Deutsche Post DHL Group beteiligt
sich an einem Pilotprojekt für gering
qualifizierte Geflüchtete. In einem Zeit-
raum von zwölf Wochen wird die Vorbil-
dung erfasst. Es folgt ein dreimonatiges
Praktikum und bei Erfolg eine auf zwei
Jahre befristete Anstellung. Daneben ha-
ben bisher 433 Flüchtlinge eine feste Ar-
beitsstelle erhalten. Insgesamt 679 haben
ein Praktikum absolviert. Im Paket- und
Briefzentrum in Magdeburg arbeiten ak-
tuell sechs Geflüchtete aus Syrien, vier
mit einem Jahresvertrag. Bei Zweien steht
die Entfristung an. „Wir wollen die Mitar-
beiter gerne an Sachsen-Anhalt binden“,
sagt Ingo Kutsch, Niederlassungsleiter
der Deutschen Post Magdeburg. „Doch
das ist abhängig von den handelnden Pro-
tagonisten.“ Einer möchte Briefzusteller
werden, ein anderer studieren. Die Post
ist in 220 Ländern im Geschäft. „Wenn
die Kriege zu Ende sind und Geflüchtete
wieder nach Hause wollen, haben wir sie
für ihr Land ausgebildet“, sagt Kutsch.
RUTH LEMMER
ist freie Wirtschaftsjourna-
listin in Duisburg.
LINKTIPPS
„Perspektiven bieten. So gelingt der Berufs-
einstieg geflüchteter Frauen. Eine Praxishil-
fe für Unternehmen“ – Broschüre/PDF.
„Stark im Beruf“ ist ein Programm, das sich
nicht nur an Geflüchtete, sondern an alle
Mütter mit Migrationshintergrund richtet,
die arbeiten wollen.
„Unternehmen integrieren Flüchtlinge“ –
Netzwerk aus Firmen aller Größenordnungen.
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