Wirtschaft- und Weiterbildung 9/2018 - page 23

„Alles was ich da schreibe und empfehle,
ist ungefähr so originell wie zu sagen, er-
nähre dich gesund und bewege dich viel.
Da ist wenig wirklich neu dran“, erklärte
Stepper in einem Interview mit dem „Per-
sonalmagazin“ (3/2018).
Die deutschen Absolventen der WOL-Cir-
cles zeigen sich trotzdem sehr zufrieden.
„Stepper listet zum Beispiel zehn Mög-
lichkeiten auf, sich in einem Netzwerk
zu profilieren. Am Anfang glaubt keiner,
dass etwas davon funktionieren könnte,
aber mit der Umsetzung kommt die Be-
geisterung für WOL“, berichten nicht we-
nige Absolventen. (Die erwähnten zehn
Arten von Beiträgen sind übrigens: Auf-
merksamkeit schenken, Anerkennung
zeigen, Quellen teilen, Fragen stellen,
Fragen beantworten, Menschen „verkup-
peln“, Feedback anbieten, die laufende
Arbeit teilen, Erfahrungen teilen, neue
Ideen freigiebig verschenken.)
Personalentwickler sprechen unter vorge-
haltener Hand aber auch davon, dass sich
schon mal etwa zehn bis zwanzig Prozent
der gestarteten Circles vorzeitig auflösen
– sei es, weil letztlich die eine Stunde pro
Woche doch nicht zur Verfügung steht,
sei es weil die Chemie zwischen den Teil-
nehmern einfach nicht stimmt. Gerade im
Businesskontext macht es offenbar Sinn,
dass ein WOL-Coach die Circles zumin-
dest gelegentlich begleitet. Zum einen
müssen die Teilnehmer darauf hingewie-
sen werden, „vernünftig“ miteinander zu
reden (mehr zuhören, einfühlsamer fra-
gen, wertschätzender unterstützen), zum
anderen gehen bei einigen Treffen die
Circle-Übungen schon sehr tief ins Per-
sönliche, so dass ein Coach als Begleiter
einfach gut tut.
Formale Strukturen bleiben
Die Organisationssoziologen haben ihre
eigene Meinung, warum WOL sich so
schnell verbreiten konnte (allein bei
Bosch wurden bislang 320 WOL-Cicles
R
durchgeführt): WOL tut in einem Kon-
zern niemandem weh. Selbst wenn alle
frischgebackenen Beziehungsprofis eifrig
informelle Netze knüpften, die forma-
len Strukturen bleiben bestehen und die
Entscheidungsmacht der Hierarchie wird
nicht angetastet – WOL als Graswurzel-
Bewegung ohne Revolutionspotenzial.
Vernetztes Arbeiten kann zwar dafür
sorgen, dass die Abläufe zwischen den
„Silos“ geschmeidiger werden, aber man
schafft das Organisationsprinzip der Ar-
beitsteilung nicht ab.
Auch wenn die Soziologie dem WOL-An-
satz nur eine begrenzte organisationale
Wirkung zuschreibt – Stepper bekommt
trotzdem eine Art von Anerkennung zu
spüren: Es gibt einen deutschen Exper-
ten für „Lernende Organisationen“, der
angekündigt hat, ein (Open-Source-)Kon-
kurrenzprodukt zu WOL auf den Markt
zu bringen. Es heißt „Lern OS“
d startet am 17. September.
Martin Pichler
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