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07/16 personalmagazin
Bei Fragen wenden Sie sich bitte an
Einstellung von Mitarbeitern, die Quali-
tät des Bewerberpools und finanzwirt-
schaftliche Kennzahlen.“
Nachdenklichster Satz: „Menschen zie-
hen es vor, in solchen Organisationen zu
arbeiten, die ein positives Image haben,
denn diese Verbindung verbessert ihren
sozialen Status und ihr Selbstwertgefühl.“
Konsequenzen fürs HR-Management
Folgt man den Ergebnissen der Studie,
spricht viel für eine Arbeitgeberzertifi-
zierung. Wie oft aber sollen sich Firmen
zertifizieren lassen? Einmal? Gelegent-
lich? Durchgehend? Die Studienergeb-
nisse legen nahe, dass eine jährliche
Zertifizierung aufgrund der auftreten-
den Gewöhnungseffekte wenig lohnend
ist. Zumindest bringt sie gegenüber der
einmaligen Beteiligung keine nachhalti-
gen Effekte. An diesem Resultat hegen
wir jedoch Zweifel; weitere Studien wä-
ren notwendig: Es erscheint unplausi-
bel, dass eine gute Platzierung bei einer
lange zurückliegenden Zertifizierung,
sagen wir 2012, auch vier Jahre und da-
mit eine gefühlte Ewigkeit später eine
große Wirkung entfaltet. Die Frage, die
sich jedes selbstbewusste Talent doch
inzwischen regelmäßig stellen dürfte,
ist, ob das Gras jenseits des Zauns nicht
womöglich grüner ist. Eine aktuelle Ar-
beitgeberzertifizierung verspricht hier-
zu Antworten. Für Unternehmen würde
dies allerdings bedeuten: einmal dabei,
auf Dauer zur Teilnahme verdammt.
Aus Praxissicht weitergedacht
Die Ergebnisse der Studie sprechen eine
recht eindeutige Sprache: Zertifikate kön-
nen sich für Unternehmen lohnen. Den-
noch sollten sich Arbeitgeber darüber im
Klaren sein, dass nicht alle Anbieter glei-
chermaßen seriös sind und nach standar-
disierten Methoden transparent, objektiv
und gründlich arbeiten. Oft finden eben
keine Tiefenbohrungen hinsichtlich der
Firmenkultur, den konkreten Personal-
prozessen und dem Führungsverhalten
statt. Dieser Umstand bleibt wohl auch
den Bewerbern und Mitarbeitern nicht
verborgen: Als Folge der durch das Inter-
net forcierten Bewertungskultur („gefällt
mir!“) steht heute eine Vielzahl von alter-
nativen Informationsquellen zur Verfü-
gung. Damit sind Vergleichspunkte zum
Arbeitgeberzertifikat entstanden, die
offenbar vielfach genutzt werden. Arbeit-
geberbewertungsportale wie Kununu, auf
denen sich die Einschätzungen aktueller
und ehemaliger Unternehmensmitarbei-
ter finden, sind hierfür ein Beispiel. Da
aber auch auf diesen Portalen meist nur
Teilaspekte beleuchtet werden, stellt sich
erneut die Frage nach der Objektivität.
Wie wäre es also mit einem Qualitätssie-
gel für die Zertifizierer? Eine unabhän-
gige Stelle könnte ihre Einschätzung zur
Qualität von Anbietern abgeben — sozusa-
gen als „Stiftung Siegeltest“.
MARTIN CLASSEN
führt seit
2010 sein Beratungsunter-
nehmen People Consulting.
PROF. DR. CHRISTIAN
GÄRTNER
ist Inhaber der
Professur für BWL an der
Quadriga Hochschule Berlin.
Dabei muss der Wettstreit nicht zum
Dauerzustand werden: Eine regelmäßi-
ge Teilnahme bringt nämlich merklich
weniger als die erste Zertifizierung, so
die Forscher. Auch für Zertifizierungen
nimmt also der Grenznutzen durch den
Gewöhnungseffekt über die Zeit ab.
Für wen oder was das Ganze gilt
Die empirische Grundlage der Studie
bilden Datensätze, die in den Jahren
2011 bis 2013 in den USA und Kanada
erhoben wurden. Nun könnte es jedoch
im organisatorischen Setting des Lesers
ganz anders zugehen. Dennoch spricht
nicht wenig dafür, dass die Grundaussa-
ge der Studie, Arbeitgeberzertifizierun-
gen seien von Nutzen für die beteiligten
Unternehmen, auch hierzulande Gültig-
keit besitzt. Allerdings ist das Zertifikat
nur eines von vielen Instrumenten im
Talent Management. Entsprechend gibt
es diverse weitere Einflussfaktoren,
etwa gute Führungskräfte, die mögli-
cherweise sogar wichtiger sind.
Der wichtigste und der
nachdenklichste Satz
Wichtigster Satz: „Eine Arbeitgeberzer-
tifizierung zeigt positive Effekte auf die
Zu oft hakt es noch am Transfer wissenschaftlicher Erkenntnisse in die Praxis. Darum
stellen der Berater Martin Claßen und der Wissenschaftler Christian Gärtner im Personal-
magazin die Kernergebnisse internationaler Studien vor und ziehen Schlussfolgerungen
für das deutsche HR-Management. In diesem Serienteil geht es um die Studie „Third
Party Employment Branding: Human Capital Inflows and Outflows Following ‚Best Places
to Work’ Certifications“, die im „Academy of Management Journal“ erschienen ist.
(bej)
SERIE
Bei den Arbeitgeberzertifikaten ist
zwar nicht alles Gold, was glänzt,
dennoch können seriöse Siegel
positive Effekte haben.
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