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Bei Fragen wenden Sie sich bitte an katharina.
04/15 spezial bAV
die Effizienz der Altersvorsorge. Zwei-
tens: Das Versprechen, die Tarifrente sei
kostenneutral, bewerten Experten als
unrealistisch. Sie zu etablieren, würde
hohe Investitionen erfordern. Auch die
Verwaltung von Vermögen und Verträ-
gen kostet Geld.
Dasselbe gilt für die Kundenbera-
tung. Zwar soll die Tarifrente ohne
Beratung auskommen. Die Erfahrung
zeigt aber, dass Vorsorgeprodukte keine
„Selbstläufer“ sind, die sich von alleine
vermarkten. Ohne Beratung kann die
versprochene, hohe Verbreitung kaum
erreicht werden. Drittens: Die Tarifrente
würde die Betriebsrente für Unterneh-
men nicht einfacher, sondern eher kom-
plizierter machen. Denn die komplexen
steuerlichen und rechtlichen Rahmenbe-
dingungen der bAV packt die Regierung
nicht an. Stattdessen will sie neben die
bestehende bAV ein zusätzliches Vorsor-
gesystem setzen, das neuen und eigenen
Regeln folgt.
Experten entdeckten zahlreiche
Ungereimtheiten und offene Fragen
Darüber hinaus entdecken Fachleute in
dem Konzept zahlreiche Ungereimthei-
ten und offene Fragen: Wie sollen die
gemeinsamen Einrichtungen die Beiträ-
ge der Arbeitnehmer rentierlich anlegen
– ohne eigene Kapitalmarkt-Erfahrung
STATEMENT
Der Business-Anzug vom letzten Jahr ist zwar
noch gut in Schuss. Aber die Mode hat sich
geändert: In dieser Saison ist das Revers
etwas breiter und die Taschen sind etwas
kleiner. Also auf zum Herrenausstatter, einen
neuen Anzug kaufen! Der alte bleibt künftig
im Schrank.
Bei Kleidung mag man darüber hinwegse-
hen, dass Modebewusstsein zwar schick,
aber nicht nachhaltig ist. In der Vorsorge
hingegen ist es unverantwortlich, jedem
Trend hinterherzulaufen. Beispiel Tarifrente:
Arbeits- und Sozialministerin Andrea Nahles
hat richtig erkannt, dass zu wenige Arbeit-
nehmer ihr Recht nutzen, mit betrieblicher
Altersversorgung (bAV) staatlich gefördert
für den Ruhestand vorzusorgen. Ihre Schluss-
folgerung: Die „alte“ Betriebsrente kommt
in die Mottenkiste und eine neue wird
geschneidert – die Tarifrente.
Dabei leistet die bAV schon in ihrer heutigen
Form vieles von dem, was die Tarifrente uns
bringen soll. Beispiel Haftungssicherheit: In
der Direktversicherung liegt das Haftungsri-
siko schon heute de facto beim Versicherer.
Will man hier weitergehen, könnte man
die sogenannte Beitragszusage auch im
bestehenden System verankern. Der größte
Kritikpunkt, den Andrea Nahles an der
bewährten bAV äußert, würde sich damit in
Luft auflösen.
Die wahre Sprengkraft des Nahles-Vorschlags
liegt aber in der Kombination der geplanten
Tarifrente mit dem Tarifautonomiestärkungs-
gesetz, das bereits letztes Jahr verabschiedet
wurde. Das heißt, künftig könnten auch
Unternehmen, die keinem Tarifverband
angehören, verpflichtet sein, eine Tarifrente
anzubieten. So würde die Tarifrente zur
Zwangsrente, für die Arbeitgeber ein Schritt
mit unkalkulierbaren finanziellen Folgen, der
sogar die Existenz bedrohen könnte.
Wer mehr Arbeitnehmern zu einer Betriebs-
rente verhelfen will, sollte kein Parallelsy-
stem schaffen, sondern die etablierte bAV
weiter verbessern, um sie attraktiver zu
machen. Dazu gibt es zahlreiche Mög-
lichkeiten. Viele von ihnen kann nur der
Staat umsetzen. Er sollte es tun, wenn ihm
wirklich daran gelegen ist, die Vorsorge der
Arbeitnehmer zu stärken und der Altersar-
mut vorzubeugen. Denn eine neue Tarifrente
hilft den Beschäftigten nicht. Die Arbeit-
nehmer müssen ihre individuelle Versor-
gungslücke kennen. Ansonsten könnten sie
denken, sie hätten mit der Tarifrente bereits
Die bewährte bAV stärken
Bei Kleidung mag man darüber hinwegsehen, dass Modebewusstsein zwar schick, aber nicht
nachhaltig ist. Bei der Altersvorsorge hingegen ist es unverantwortlich, jedem Trend hinter-
herzulaufen. Denn „neu“ ist nicht zwingend gleichbedeutend mit „besser“.
ausreichend vorgesorgt. Der „Riester-Effekt“
würde drohen.
Auch die Arbeitgeber sind in der Pflicht. Die
bAV wäre stärker verbreitet, wenn wirklich
jedes Unternehmen seinen Beschäftigten
eine Betriebsrente anbieten würde. Gerade
in kleinen und mittelständischen Unter-
nehmen ist das nicht immer der Fall. Diese
Firmen sollten jetzt das Zepter in die Hand
nehmen, sich fachkundig beraten lassen
und eine bAV etablieren. Denn: Wer eine
bAV einrichtet, weiß, worauf er sich einlässt.
Wer die Tarifrente auf sich zukommen lässt,
begibt sich auf unbekanntes Terrain.
„Neu“ ist nicht gleichbedeutend mit
„besser“. Das gilt gerade in der Vorsorge.
Wenn die Politik in jeder Legislaturperiode
neue Konzepte präsentiert, mit denen die
Bürger für das Rentenalter sparen sollen,
verwirrt und verunsichert das am Ende mehr
als es hilft. Vorsorge erfordert Vertrauen.
Und Vertrauen entsteht durch Kontinuität
und Verlässlichkeit. Diese Werte könnte die
Politik am besten dadurch signalisieren,
dass sie die bewährte bAV stärkt. Oder, im
übertragenen Sinn: Dass sie die bAV, statt in
die Mottenkiste zu stecken, in die Ände-
rungsschneiderei gibt.
FABIAN VON LÖBBE-
CKE
ist Vorstandsvor-
sitzender von Talanx
Pensionsmanagement
und verantwortlich für
bAV bei HDI.
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