Immobilienwirtschaft 05/2015 - page 30

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Investment & Entwicklung
i
kolumne
gesichtet werden, veranstaltet das Deutsche Architekturmuseum
alle zwei Jahre den Internationalen Hochhauspreis. Mit der Prä-
sentation des 36 Stockwerke hohenWohngebäudes Newton Suites
aus Singapur von den ArchitektenWOHA kehrte die Faszination
Wohnen imHochhaus am10.08.2008 nach Frankfurt zurück. Vor
dem Immobilienforum in Frankfurt hielten die Architekten ei-
nen für die anwesendenHerren atemberaubendenVortrag. Auch
Peter Cachola Schmal, der Direktor des Deutschen Architektur
Museums, war begeistert. Nachbarschaftlich sollte das Hochhaus
sein und grün, mit hängenden Gärten, von oben bis unten.
Mittlerweile ist dasThema Trend. Der Turmvon FrankGehry
amBerliner Alexanderplatz soll 150 mhoch werden, der Tower 2
im Frankfurter Europaviertel sogar 160 m. Auch der neue Hen-
ninger Turm in Frankfurt Sachsenhausen ist 140mhoch geplant,
selbst in Stuttgart Fellbach sollen es 107 m werden.
Mit den seelenlosen Wohnmaschinen der Schlafstädte aus
den 60er Jahren haben diese neuen vertikalen Dörfer aber kaum
etwas gemein. Wir sprechen hier vonHochhäusern für eine städ-
tisch differenzierte Gesellschaftmit neuen Bedürfnissen und ver-
änderten Lebenssituationen. Sie erhalten sinnvollerweise einen
Sockel, der öffentlichen Nutzungen Platz bietet und vor Fallwin-
den schützt. Diese Häuser sind nicht Ausdruckmännlicher Eitel-
keit und wetteifern auch nicht mit dem828mhohen Burj Khalifa
in Dubai, dem höchsten Gebäude der Welt. Diese superhohen
Häuser sind fragwürdige Gewaltmärsche in die Wolken, nur mit
enormem Energie-, Material- und Kosteneinsatz zu bewerkstel-
S
chon von Weitem sind die Geschlechtertürme von San
Gimignano über den Hügeln der Toskana zu sehen. Pro-
minente Zeugen stolzer Kerle, die mit ihren Türmen die
Bedeutung ihrer Familien klärten und allen zeigten, wo der Ham-
mer hängt. Die leergezogenen Überreste sind heute Zeugen ei-
ner längst vergangenen Lebensweise. Scheitern als Chance, die
Geschichte ist voller kühner Beispiele von hoch hinauf und tief
gefallen. Wie keine Bauaufgabe zuvor vereint das Hochhaus als
Typus hochgesteckte Ambitionen und dramatische Misserfolge.
Doch bis ins Mittelalter muss ich gar nicht gehen. Heute sind
Wohnhochhäuser mit den Aufräumarbeiten in den Sozialsied-
lungen der 60er und 70er Jahre verbunden. Die Grobkonzepte
der freistehendenHochhausscheiben, umgeben von zugigen Tro-
ckenrasenvegetationen und breiten, automobilgerechten Straßen,
fristen heute ein jämmerliches Dasein an den Rändern der Innen-
städte. Sie stehen genauso für geknickte gesellschaftliche Visionen
wie die Geschlechtertürme in der Toskana.
Doch mit dem Wachstum kehrt auch die Idee der Wohn-
hochhäuser in die deutschen Innenstädte zurück. Skyscraper zum
Wohnen haben in den Megametropolen Asiens und Nordameri-
kas unvermindert Hochkonjunktur. Und auch in London boomt
das Geschäft mit der Aussicht. Über 100 Hochhausprojekte mit
Wohnraum sind dort nach Angaben des Maklers Knight Frank
genehmigt oder auf der Baustelle. Das höchsteWohngebäude Eu-
ropas, The Shard, steht mit 310 m bereits in London. Auch wenn
diese Dimensionen in Deutschland nicht einmal per Fernglas
Hoch hinaus
Foto: Dirk Weiß
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