Immobilienwirtschaft 2/2016 - page 30

30
INVESTMENT & ENTWICKLUNG
I
INTERVIEW
beflächen an Kommunen vermietet, um
einen sicheren Cashflow zu generieren.
Wie sehen Sie das Thema Senioren-Im-
mobilien unter Renditegesichtspunk-
ten?
Das ist ein schwieriges Thema. Es
kommt auf Betreiberkonzept und Lage an.
Worüber man weniger spricht, sind privat
geführte Kitas. Diese Art der Betreiber-
immobilien wird in den nächsten Jahren
auf rege Nachfrage treffen. Der Staat wird
in diesem Bereich eine Grundversorgung
sicherstellen können, aber die Eltern aus
der gehobenenMittelschicht und in jedem
Fall die Oberschicht präferieren eindeutig
privat geführte Kitas mit einer hohen Be-
treuungsqualität.
Wie sehen Sie das Thema Digitalisie-
rung?
In den nächsten Jahren ist nicht
damit zu rechnen, dass die Digitalisierung
maßgeblich die Immobilienwirtschaft be-
einflussen wird. Wohnbedürfnisse sind
nur bedingt durch Marketing beeinfluss-
bar. Sicherlich wird es auf längere Sicht
einen Trend in Richtung Smart Living ge-
ben. Wie der jedoch genau aussehen wird,
kann ich seriös noch nicht beurteilen.
Gibt es andere Trends?
Zwei Trends sind
bereits heute erkennbar: Die deutsche Ge-
sellschaft wird kulturell bunter, und der
Zwang zu Ressourcenschonung und um-
weltverträglichemBauenwird zunehmen.
Die kulturelle Vielfalt wird zumindest in
den Städten Arbeit, Wohnen, Freizeit,
Kaufverhalten und die Sozialstrukturen
deutlich verändern. Für diese Herausfor-
derungen hat die Immobilienwirtschaft
jedoch keine Konzepte.
Herr Prof. Gondring, jenseits von Flücht-
lingsunterkünften – womit können Im-
mobilien-Investoren Geld verdienen?
Ein Schwerpunkt bleibt die Wohnimmo-
bilie: Der Markt benötigt jährlich min-
destens 250.000 neue Wohnungen. Der
Druck auf den Wohnimmobilienmarkt
wird bis weit in die 2020er Jahre bestehen
bleiben. Insbesondere unter Berücksich-
tigung der bis 2027 ansteigenden Studie-
rendenzahlen sind aber auch Studenten-
wohnheime einmögliches Investitionsziel.
Was macht Sie so sicher, dass sich Stu-
dentenwohnheime lohnen?
Die Studie-
rendenzahl wird bis weit in die 2020er
Jahre gleich bleiben bzw. steigen. Es ist
fester Wille der Bildungspolitik, die jähr-
lichen Abiturquoten anzuheben. Ich kann
mir eine Abiturquote von 60 Prozent plus
pro Jahrgang in den nächsten Jahren vor-
stellen. Studentenwohnheime bzw. -woh-
nungen sind sehr rentierlich, da das The-
maMietpreiserhöhung verglichenmit an-
deremWohnraumweniger bedeutsam ist.
In welchen anderen Immobilienklassen
sehen Sie Chancen?
Ein weiteres interes-
santes Segment sind Boardinghäuser oder
Hotelkonzepte wie etwa Motel One. Die
mobile Arbeitswelt verlangt nach cleveren
Lösungen von einer Übernachtung bis
hin zu mehrwöchiger Unterbringung. Da
kann das klassische Hotel nicht mithalten.
Was ist mit Logistikimmobilien?
Auch
die sind mögliches Investitionsziel, zumal
sich das Kaufverhalten spürbar ändern
wird. Kurzfristig ist sogar für den einen
oder anderen Bestandshalter zu überle-
gen, ob er nicht ungenutzte oder schwer
vermietbare „unterkunftsfähige“ Gewer-
Welche Immobilien-Asset-
klassen sollten Investoren
im Blick behalten? Ein Ge-
spräch mit Prof.
Hanspeter
Gondring
FRICS.
Luxuskitas statt Seniorenheime
ZUR PERSON
Prof. Dr. Hanspeter Gondring
FRICS ist Studiengangsleiter Immobilienwirtschaft/
Versicherung sowie Studiendekan des Studienzentrums Finanzwirtschaft an der Dualen Hochschule
Baden-Württemberg Stuttgart.
«
Interview: Dirk Labusch
„Warum sollten Bestands-
halter nicht ungenutzte
‚unterkunftsfähige‘ Gewer-
beflächen an Kommunen
vermieten?“
1...,20,21,22,23,24,25,26,27,28,29 31,32,33,34,35,36,37,38,39,40,...76
Powered by FlippingBook