wirtschaft und weiterbildung 4/2015 - page 15

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wirtschaft + weiterbildung
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lage für seine Karriere war gelegt. Was waren die Erfolgsfak-
toren seiner grandiosen Karriere? Sattelberger stellt sich gerne
als Innovator dar und gibt sich die Attitüde des Unangepassten.
Das Buch ist voll davon.
Doch erfolgsentscheidend für seine Dax-Karriere war eine
andere Seite von ihm: Er konnte sich schnell auf neue Ver-
hältnisse einstellen, man kann das auch „anpassen“ nennen.
Sein Wertesystem war flexibel. Ein gutes Beispiel dafür ist sein
Wechsel auf den Vorstandssessel bei der Continental AG, da-
mals die Burg der Shareholder-Value-Denke. Zuvor hatte er
dieses Managementmodell abgelehnt, der Wechsel aber war
für seine Karriere nützlich: Er konnte sich einen Ruf als harter
Personaler aufbauen, ohne den er wahrscheinlich nicht Perso-
nalvorstand der Telekom geworden wäre.
Homosexualität erst spät thematisiert
War Sattelberger auch einer der Karrieristen, die alles dem be-
ruflichen Erfolg unterordnen? Sattelberger kommt dieser Ge-
danke selbst und er schiebt ihn beiseite, um ein anderes Er-
klärungsmuster anzubieten: Sein Faible für Transformationen.
Motiv für seine Wechsel seien Umbruchsituationen gewesen,
die hätten ihn gereizt. Doch überzeugt diese Erklärung? Wie
wichtig die Karriere für ihn war, zeigt der Blick auf zwei Le-
bensentscheidungen: Über seine Apo-Vergangenheit redete er
erst, als die Stuttgarter Nachrichten das aufdeckten - sein Auf-
stieg war schon vollzogen. Seine Homosexualität machte er
erst öffentlich, als er bei der Telekom ausgeschieden war und
kein Vorstandsamt mehr innehatte.
In der Biografie gibt er Einblick in die Machtspiele der Ma-
nager, schildert seine Kontakte zu Vorständen und Aufsichts-
räten. Eines aber findet keinen Platz, das in seinem Leben
einen großen Raum einnahm: sein Engagement für die Perso-
nalszene. Er hat eng mit Hochschullehrern zusammengearbei-
tet, viele Vorträge gehalten, ein eigenes Netzwerk aufgebaut
und die Debatten in der Personalszene vorangetrieben. Er war
mit Leidenschaft und Herzblut dabei, und viele Personaler
haben sich an ihm orientiert. Das alles hat Sattelberger ausge­
blendet. Das wird viele seiner Mitstreiter, beispielsweise aus
der Selbst GmbH, bitter enttäuschen. Über den Grund kann
man nur spekulieren: Ist seine Herkunft als Personaler für
seine weitere Karriereplanung nicht mehr von Nutzen, weil er
in die Politik oder Talkshows will? Oder hätte er sich selbstkri-
tisch eingestehen müssen, dass er seine verbandspolitischen
Ziele mit der Selbst GmbH nicht erreichen konnte?
Selbstkritik oder auch die Einordnung des Handelns in die je-
weilige Zeit gehört nicht zu den Stärken des Biografen. Die
Frauenquote war sicherlich seine „historische“ Heldentat. Dass
er aber selbst zuvor jahrzehntelang die Führungskräfteent-
wicklung verantwortet hat und das Thema nicht vorangebracht
hatte, darüber hat er nicht wirklich nachgedacht. Die Klippen,
die um das Genre Biografie liegen, konnte Thomas Sattelberger
jedenfalls nicht souverän umschiffen.
Reiner Straub
Buchtipp.
Thomas Sattelberger: Ich
halte nicht die Klappe. Mein Leben als
Überzeugungstäter in der Chefetage.
Murmann Publishers, Hamburg 2015,
288 Seiten, 22,00 Euro.
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