wirtschaft und weiterbildung 4/2015 - page 14

menschen
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wirtschaft + weiterbildung
04_2015
AUTOBIOGRAFIE.
Mit seinem gerade erschienenen
Buch „Ich halte nicht die Klappe“ will sich Thomas
Sattelberger selbst ein Denkmal setzen (immerhin hat
er in einem sehr großen Konzern die Frauenquote
eingeführt). Selbstkritik aber gehört nicht zu den
Stärken des Biografen, bedauert unser Rezensent.
Natürlich erzählt Sattelberger eine Heldengeschichte: Er hat
es aus kleinen Verhältnissen und trotz seiner wilden Jahre in
der Außerparlamentarischen Opposition ganz nach oben in der
Deutschland AG geschafft. Er ist längst nicht mehr nur der
bekannteste Personalmanager der Republik, auch in Berliner
Regierungskreisen geht er ein und aus.
Über seine Heldentaten hat er in Interviews Auskunft gege-
ben, in seinem Buch erläutert er auf 288 Seiten viele Details
dazu: Wie er bei Daimler den Ruf als „Papst der Personalent-
wicklung“ erwarb, wie ihm die Gründung der ersten Corporate
University bei der Lufthansa gelang, wie er die Tarifpolitik der
Telekom neu ausrichtete - was Timotheus Höttges, damals Fi-
nanzvorstand, mit „Thomas, Du bist mein Held“ goutierte –
und wie er die Frauenquote erstmals bei einem Dax-Konzern
einführte. Das Muster seiner Ich-Erzählung - veni, vidi, vici
- wird nur bei Daimler unterbrochen, wo er das Unternehmen
mit einer blutigen Nase verlassen musste.
Die spannendste Passage seiner Biografie handelt von seiner
Kindheit und Jugend, die er unter das Motto „Ein schwä-
bischer Rebell“ stellt. Seine Kindheit verlief unaufgeregt, zum
Rebell wurde er erst, als er sich 1967 als Gymnasiast in Stutt-
gart, wo die Familie mittlerweile lebte, der Schülerbewegung
anschloss. Sattelberger tut das nicht als „Jugendsünde“ ab,
sondern stellt sich seiner Vergangenheit und setzt sich damit
intensiv auseinander. Kritik am Kapitalismus, Demokratisie-
rung der Gesellschaft und sexuelle Befreiung waren die The-
men, „die mich über Jahre hinweg mitrissen“. Er beschreibt,
wie er als Agitator wirkte, die Schülerzeitung „Rotkehlchen“
herausgab, Flugblätter verteilte und von Joschka Fischer, der
nach Frankfurt weiterzog, die Leitung der „Unabhängigen so-
zialistischen Schülergemeinschaft“ übernahm.
Wie kam es aber dazu, dass der Kapitalismus-Kritiker die
Fronten wechselte und eine Ausbildung bei Daimler begann?
Im Unterschied zu Fischer, der sich im Umfeld der undogma-
tischen Linken bewegte und der Politik treu blieb, geriet Sattel-
berger im Stuttgarter Raum unter besonders schlimme Sektie-
rer innerhalb der Apo: Beim Kommunistischen Arbeiterbund
(KAB) ging es nicht mehr um Diskutieren oder Kameradschaft,
sondern um Dogmatismus und Einordnung. Der Rebell litt da-
runter („Das war die Hölle“) und begann sich zu distanzieren,
wofür er - im Rückblick - dem KAB dankbar ist. Der Marsch
durch die Institutionen, den viele 68er in die Betriebe führten,
sei für ihn schon damals kein Motiv gewesen, da er sich sein
Leben nicht als Arbeiter vorstellen wollte.
Als Straßenkämpfer zu Daimler
Bei Daimler, einem zentralen Feindbild der Linken, wurde er
mit offenen Armen empfangen. Ob er die Kleider der Kapitalis-
muskritik tatsächlich so schnell ablegen konnte, sei mal dahin-
gestellt. Als entscheidende Erfahrung beschreibt er aber, dass
die Verhältnisse im Betrieb nicht so schlimm waren, wie er sich
das als Apo-Aktivist vorgestellt hatte. Schon seine erste Stelle
im Bildungswesen beschreibt er als „Traumstelle“. Die Grund-
Foto: Sigrid Reinichs
„Thomas,
du bist mein Held“
Rückschau.
Um seinen Ruhestand
genießen zu können, hat sich Sattelberger
ein Haus am Starnberger See gekauft.
Ein Journalist, der ihn Anfang 2014
besuchte, schrieb anschließend:
„Das Rentnerleben ist eine Strafe für ihn.
Er tut alles, um Leerlauf zu vermeiden.“
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