PERSONALquarterly 2/2015 - page 56

PERSONALquarterly 02/15
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SERVICE
_DIE WAHRHEIT HINTER DER SCHLAGZEILE
A
lle Banker sind Gutmenschen. Das wäre zwar eine
schmissige, aber wenig glaubwürdige Zeile in den
Medien. Eher schon ziehen andere Zeilen Leser in
ihren Bann: „Jobkultur in Banken verleitet Banker
zu Unehrlichkeit“, hieß es am 19. November bei Focus Online.
Am gleichen Tag brachten auch andere Online-Portale Varian-
ten dieser Aussage: Bei n-tv lautete die Dachzeile „Moralisch
fragwürdige Jobkultur“ und die Hauptzeile „Banker neigen zu
Unehrlichkeit“, die Handelszeitung in der Schweiz titelte „Der
Beweis: Banker sind unehrlicher als andere“ und der Spiegel
toppte die Emotionen mit „Psychologie-Experiment: Banken
machen Banker gierig“. Redaktionen, die die Pressemeldung
der Universität Zürich verpasst hatten, zogen am 20. Novem-
ber nach. Deutschlandradio Wissen setzte bei seiner fetten
Zeile immerhin ein Fragezeichen „Berufskrankheit Unehrlich-
keit?“, die Wirtschaftswoche veröffentlichte die Einschränkung
„Bankangestellte lügen öfter – aber nur im Job“, doch das ös-
terreichische WirtschaftsBlatt griff zu „Banker sind von Berufs
wegen unehrlich“.
Lügen werden belohnt
„Die Leute wollen heute hören, dass Banker unehrlich sind,
denn seit der Finanzkrise hat dieser Berufsstand seine Re-
putation verspielt“, kommentiert Michel André Maréchal die
überspitzten Überschriften zu dem Experiment, das er und sei-
ne Kollegen Ernst Fehr und Alain Cohn an der wirtschaftswis-
senschaftlichen Fakultät der Universität Zürich durchführten.
In einem Belohnungsspiel wurden 200 Bankangestellte, davon
128 aus einer internationalen Großbank und die anderen aus
mehreren anderen Banken, in zwei Gruppen geteilt. Der einen
Hälfte wurde durch Fragen ihre berufliche Rolle ins Bewusst-
sein gerufen, der anderen Hälfte Fragen zur Freizeit gestellt,
um ihre außerberuflichen Normen zu wecken. Anschließend
erhielten sie die Aufgabe, eine Münze zu werfen und anzuge-
ben, ob sie Zahl oder Kopf geworfen hatten. Das Resultat wurde
nicht kontrolliert, Lügen war also eine Alternative. Denn durch
Unehrlichkeit konnten die Testpersonen ihren Gewinn sogar
um 200 US-Dollar erhöhen.
Das Forscherteam ermittelte über Wahrscheinlichkeitsbe-
rechnungen, ob die Teilnehmer sich für oder gegen die Wahr-
Unehrlichkeit ist ein heikles Thema – besonders bei Bankangestellten. Ein Forscher­
team der Universität Zürich geht mit einem Experiment zur Firmenkultur ins Labor.
Banker haben ihre Reputation verspielt
heit entschieden hatten. Das Ergebnis: Die Gruppe, der ihre
beruflichen Normen in Erinnerung gerufen wurde, verhielt
sich unehrlicher als die, die auf private Normen gepolt wurden.
Eine Kontrolluntersuchung mit 133 Mitarbeitern anderer Bran-
chen ergab später, dass diese nicht unehrlicher wurden, wenn
sie an die Jobnormen erinnert wurden.
Assistenzprofessor Maréchal, der eine ganze Reihe von Un-
tersuchungen zur Ehrlichkeit betreut, interpretiert die Ergeb-
nisse vorsichtig: „Die Unternehmenskultur kann eine Ursache
für unehrliches Verhalten sein.“ Es wäre für ihn jetzt ein guter
nächster Schritt, Arbeitsroutinen und Bonussysteme auf ihre
Wirkung auf ethische Entscheidungen und sozial erwünschtes
Verhalten hin zu erforschen.
Solide Basis für Handlungsempfehlungen
Das Thema Unehrlichkeit bewegt auch Nick Lin-Hi, der an der
Universität Mannheim mit einer Juniorprofessur die Corpo-
rate Social Responsibility (CSR) vertritt. Auch Forscher Lin-Hi
arbeitet bei diesen eher weichen Verhaltensfragestellungen
gerne in Laborsituationen. „Dort ist es möglich, durch gezielte
Manipulationen Zusammenhänge nachzuweisen, die ansons-
ten vielleicht verborgen blieben“, begründet er diesen experi-
mentellen Ansatz. „Wir reduzieren hier gezielt die Komplexität
der Realität und haben Kontrolle über potenzielle Störfaktoren.
Experimente bieten daher definitiv einen Mehrwert für die
betriebswirtschaftliche Forschung.“
Seiner Ansicht nach wäre es ideal, wenn die im Labor ge-
fundenen Zusammenhänge auch im Feldexperiment überprüft
und bestätigt werden könnten. Etwa indem CSR-Trainings mit
einer Gruppe von Mitarbeitern durchgeführt werden und
anschließend das Verhalten der Teilnehmer im unterneh­
merischen Alltag mit dem Verhalten einer Kontrollgruppe
über einen längeren Zeitraum verglichen würde. Mit einem
solchen Feldexperiment ließen sich, so Lin-Hi, Kausalitäten
sehr valide nachweisen. Dies würde wiederum eine solide Ba-
sis für Handlungsempfehlungen ergeben. Allerdings weist der
CSR-Experte darauf hin, dass Feldstudien in der Praxis nicht
immer ganz so einfach sind: „Für Unternehmen können solche
Studien schon einen ziemlich massiven Eingriff ins Tagesge-
schäft darstellen.“
Ruth Lemmer
, Freie Wirtschaftsjournalistin, Düsseldorf
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