Personalmagazin 8/2018 - page 14

möchten. Wenn jemand heute mit 18 Jahren sagt, dass er beruf­
lich mal etwas mit Musik, Kunst oder Sport machen will, kommt
ganz schnell eine Mutter, ein Vater oder ein Onkel und versucht,
den jungen Menschen davon abzubringen. Wenn unsere Kinder
wissen, dass sie in Zukunft auf das Grundeinkommen zurück­
greifen können, werden sie ganz neue Karriereentscheidungen
treffen und Jobs wählen, die heute als zu riskant gelten. Heute
ist es weit verbreitet, dass man nicht den Beruf wählt, den man
eigentlich machen will. Viele arbeiten in ihren Jobs, bis sie 40
oder 50 sind. Erst dann fangen einige an, darüber nachzudenken,
was ihnen wirklich wichtig ist – also über Arbeit im Sinne von
Bergmanns New-Work-Definition. Ich möchte die Gesellschaft
dahin bringen, dass wir das von Anfang an tun.
Im Grunde geht es also auch um eine neue Form der Selbst-
verantwortung. Heute können wir ja alles ganz einfach aufs
System schieben, wenn wir einen „Bullshit-Job“ haben ...
Ganz genau. Wir leben in einer Zeit, in der wir zu oft indi­
viduelle Lösungen für kollektive Probleme suchen. Bei dem
Phänomen bedeutungsloser Jobs geht es nicht um individuelle
Entscheidungen. Das ist etwas, das wir gemeinsam erschaffen
haben und das wir zusammen auch wieder ändern können. Ich
bin kein Selbsthilfe-Guru oder Karriereberater. Wenn Leute
mich fragen, was sie tun können, um etwas zu ändern, sage ich:
„Nichts“. Damit meine ich, dass es eine lächerliche Idee ist, das
auf individueller Ebene lösen zu wollen. Es beginnt bei uns allen.
Wir müssen unsere Institutionen, Konventionen und Anreize
ändern, um eine neue Geschichte zu schreiben und zu erzählen.
Sie glauben also nicht, dass es sich lohnt, in der eigenen
Organisation für neue Formen der Arbeit zu kämpfen?
Doch, natürlich. Buurtzorg Niederlande ist zum Beispiel so
eine Organisation, die in der Pflege wegweisend ist. Die Idee
von Buurtzorg ist sehr einfach: Krankenschwestern arbeiten in
selbstverwalteten Teams von zehn bis zwölf Mitarbeitern. Es gibt
keine Manager und keine Marketingabteilung. Und sie verkaufen
nur ein Produkt: Pflege. Buurtzorg fing 2006 als eine sehr kleine
Organisation mit nur zwei Teams an. Heute arbeiten mehr als
14.000 Menschen dort und Professoren aus der ganzen Welt
kommen nach Holland, ummehr darüber zu erfahren. Das Wich­
tigste an Buurtzorg ist, dass es von einem anderen Menschenbild
ausgeht. Der Gründer Jos de Blok vertraut seinen Mitarbeitern.
Er glaubt, dass sie, nicht er, die wahren Experten sind.
Was heißt das für die gesellschaftliche Perspektive?
Regierungen sollten viel mehr wie Unternehmen denken, weil
jedes erfolgreiche Unternehmen die ganze Zeit experimentiert,
dabei Dinge lernt und sie ständig anpasst. Selbst wenn Sie die
Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens nicht mögen,
sollten Sie dennoch offen sein, damit zu experimentieren. Denn
wenn es nicht funktioniert, können wir einfach aufhören, da­
rüber nachzudenken und uns etwas anderes einfallen lassen.
Sie haben in IhremVortrag auf der NewWork Experience in
Hamburg erwähnt, dass inzwischen viel mehr Menschen die
Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens kennen. Be-
deutet das, dass die Zeit reif dafür ist? Oder was braucht es,
damit eine utopische Idee wirklich den Durchbruch schafft?
„Heute arbeiten
wir mit Hardware
aus dem 21.
Jahrhundert, aber
wir nutzen dazu
eine Software
aus dem 19.
Jahrhundert – mit
einem veralteten
Mindset
und einer
unveränderten
Definition dessen,
was Arbeit ist.“
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