WIRTSCHAFT UND WEITERBILDUNG 6/2017 - page 50

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wirtschaft + weiterbildung
06_2017
sitzpositionen: Das heißt also provokant
gesagt: Ich kann so krumm sitzen wie ich
will, so lange ich alle fünf Minuten an-
ders sitze, ist es nicht wirklich schädlich.
Einmal abgesehen davon, dass Sitzen auf
Dauer generell nicht empfehlenswert ist:
Im Büroalltag sollte es regelmäßige Bewe-
gungspausen geben.
Welche Probleme können sich denn
durch solche Fehlhaltungen ergeben?
Stehle:
Die Schwierigkeiten betreffen
sowohl den aktiven als auch den passi-
ven Bewegungsapparat insgesamt. Der
Klassiker: Eigentlich die komplette Wir-
belsäule rauf und runter, allen voran die
Bandscheiben. Die Schulter- und Nacken-
region wird bei PC-Arbeit ebenfalls mas-
siv strapaziert. Bewegungsmangel und zu
wenig Zirkulation führen zu Beeinträch-
tigungen des Stoffwechsels im Sinne von
Unterversorgung, also zu schlecht ernähr-
ten Zellen und Geweben.
Was kann ein Arbeitnehmer persönlich
dagegen tun?
Stehle:
Arbeitnehmer können sich erst
einmal mit ihrem Bürostuhl auseinan-
dersetzen und erforschen, was dieser an
Funktionen und Einstellmöglichkeiten
bietet, um sie bestmöglich beim Büro­
marathon zu unterstützen. Sie sollten
sich bewusst machen, dass der Körper
unterhalb des Kopfes bei PC-Arbeit nichts
weiter ist als ein Stativ. Sitzen ist ein nicht
bewusster Vorgang, ähnlich der Atmung.
Umso mehr müssen die Grundflächen
individuell auf die Personen abgestimmt
sein: vom Fußboden angefangen, über
die Sitzfläche, Rückenlehne, Armstützen
bis hin zur Tischfläche. Dann erst kann
das Feintuning auf dem Schreibtisch vor-
genommen werden. Ziel sollte sein, den
Arbeitsplatz so zu gestalten, dass die
Möbel Aufrichtung und Entlastung evo-
zieren und nicht von vornherein zu ein-
seitigen Belastungen und Fehlhaltungen
einladen. Unter guter Ergonomie verstehe
ich, dass Grundbedingungen so geschaf-
fen werden, dass sich der Mensch auch
ohne bewusste Kontrolle immer wieder
aufrichten und in aufrechter Haltung be-
wegen kann.
Wie können Unternehmen körperlichen
Beschwerden durch Fehlhaltungen auch
ohne großes Büromöbel-Budget
entgegenwirken?
Stehle:
Ergonomie ist ein Prozess, der be-
gleitet werden muss, wenn man ihn ernst-
haft im Unternehmen implementieren
möchte. Dazu ist zunächst einmal Infor-
mation für alle Beteiligten nötig. Erforder-
lich ist außerdem eine nachvollziehbare
Anleitung zur ergonomisch sinnvollen
Aufbauweise eines Arbeitsplatzes. Mitar-
beiter und Unternehmensleitung müssen
konkret wissen, was sie von einer ver-
besserten Ergonomie haben und sollten
dann im Feld der Verhaltensprävention
und dem der Verhältnisprävention klare,
konsequente Entscheidungen treffen.
Transparenz ist dabei unerlässlich, ist
So schwer kann das richtige Sitzen am
Schreibtisch doch nicht sein. Oder?
Petra Stehle:
Es ist tatsächlich nicht so
schwer, wenn man bestimmte biomecha-
nische Grundregeln und nicht Glaubens-
sätze berücksichtigt. Eine Hauptursache
ist, dass sich Arbeitnehmer grundsätzlich
zu wenig mit ihrem Bürostuhl befassen.
Ein weiterer Grund ist, dass das Thema
„Sitzsysteme“ bei den in Unternehmen
mit gesundheitsfördernden Aufgaben
betrauten Menschen, sprich Arbeitsme-
dizinern, Sicherheitsfachkräften oder
Ingenieuren eher weniger ein Ausbil-
dungsbestandteil darstellt. Selten besteht
ausreichende Kenntnis über Individua-
lisierbarkeitsfaktoren von Sitzmöbeln,
deren unterschiedliche Mechaniken und
ihre Auswirkungen auf die Biomechanik
und Physiologie.
Welche Fehler bemerken Sie bei sitzen-
den Arbeitstätigkeiten am häufigsten?
Stehle:
Meistens ist die Sitzhöhe nicht
richtig eingestellt. Es kursiert immer noch
die 90/90-Regel, also dass der Oberkörper
im 90-Grad-Winkel zum Oberschenkel
aufgerichtet sein muss. In dieser Posi-
tion kann man das Becken ohne erhöhte
Kraftanstrengung nicht aufrichten. Außer-
dem muss man bei der Frage auch den
Zeitfaktor ins Spiel bringen: Längerfris-
tige Probleme kommen meist von Dauer-
Rückenschmerzen ade:
Ergonomie wirkt
INTERVIEW.
Es gibt etwa 20 Millionen Computerarbeitsplätze in Deutschland.
Rund 30 Milliarden Stunden im Jahr verbringen Arbeitnehmer sitzend am PC. Das
summiert sich im Laufe eines Arbeitslebens. Ergonomie-Spezialistin Petra Stehle stellte
auf der Messe „Corporate Health Convention 2017“, die parallel zur „Personal Süd“ in
Stuttgart stattfand, den Leitfaden „Gute Ergonomie – Gesünder Arbeiten am PC“ vor.
„Aus dem Bestand an Büromöbeln lässt sich oft schon
sehr viel an ergonomischer Verbesserung heraus-
holen. Man muss das Alte nur vernünftig nutzen.“
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