wirtschaft und weiterbildung 10/2015 - page 24

personal- und organisationsentwicklung
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wirtschaft + weiterbildung
10_2015
ger übergeben werden müssen. Nicht nur
für diese Nachfolge böten sich Absolven-
ten des Trialen Studiums perspektivisch
an, auch für andere Führungspositionen.
Abiturienten, „die nicht intelligenter
sind als vor 20 Jahren“, sagt Mund, soll-
ten das Handwerk wieder als spannen-
des Berufsfeld entdecken und sich darin
zu Führungskräften entwickeln, die der
Wirtschaftszweig so dringend benötige.
Denn: „Es ist unglaublich schwer, qua-
lifizierte Filialleiter, Verkaufsleiter oder
Serviceleiter zu finden. Sie müssen ein
gutes Zahlenverständnis mitbringen,
technisches Verständnis zeigen und sich
führungsstark erweisen. Das erwarten
Kunden und Mitarbeiter von ihnen.“ In
diese Lücke sollen die Absolventen des
Trialen Studiums stoßen. Wer sich für das
anspruchsvolle Programm entscheidet,
sagt Mund, „der brennt und hat Biss“.
Wahrscheinlich würden Absolventen den
erlernten Handwerksberuf gar nicht mehr
ausüben, sondern als Führungskraft tätig
sein, erwartet Mund. „Während des Stu-
diums erhoffe ich mir von den Studenten,
dass sie ihre Studienarbeiten betriebsbe-
zogen schreiben und so Ideen in die Be-
triebe einbringen, die wir sonst auf dem
Markt einkaufen müssten.“ Derzeit liefen
Gespräche zwischen der Innung und der
Hochschule Niederrhein, damit im fol-
genden Studienjahr 2016 auch Anwärter
für KFZ-Berufe nachziehen können.
Entwicklung einheitlicher
Standards ist ein Muss
Das Triale Studium als Weiterentwicklung
der Dualen Studiengänge scheint den
Nerv des Handwerks zu treffen. Forsche-
rin Krone begrüßt dies, mahnt aber zur
Vorsicht. Studien zu Dualen Studiengän-
gen hätten gezeigt, dass die Verknüpfung
von Berufsausbildung und Hochschul-
ausbildung nicht immer funktioniere.
Zudem müssten Studierende desselben
Studiengangs in ihren jeweiligen Betrie-
ben mit sehr unterschiedlichen Bedingun-
gen zurechtkommen. „Deshalb plädieren
wir für die Entwicklung von einheitlichen
Standards, an die sich alle Beteiligten hal-
ten müssen“, sagt Krone. Denkbar wäre,
der Gesetzgeber würde sie ins Berufsbil-
dungsgesetz schreiben.
Winfried Gertz
R
Diesen Eindruck gewinnen auch Exper-
ten, die sich wissenschaftlich mit Bil-
dungsthemen befassen. „Ich halte das
Triale Studium für sehr ambitioniert“,
sagt Dr. Sirikit Krone von der Universität
Duisburg-Essen. Die Sozialwissenschaft-
lerin erforscht am Institut für Arbeit und
Qualifikation (IAQ) Duale Studiengänge.
„Studierende sind mit einem hohen
Workload konfrontiert. Doch mit drei zu
erwerbenden Abschlüssen in vier bis fünf
Jahren scheint es für Abiturienten durch-
aus attraktiv zu sein.“
Familienbetriebe springen auf
das neue Studium an
Als die Fachhochschule in Köln das Stu-
dienkonzept erstmals vorstellte, zeigten
sich viele Familienbetriebe, die ihre Kin-
der als Nachfolger aufbauen wollen, Lord
zufolge „sofort angetan“. Aus diesem
Kreis rekrutierte sich auch der überwie-
gende Teil der ersten Studentengruppe.
„Sie sind unsere Türöffner“, sagt der
Professor. Seit Neuauflage des Studien-
angebots 2010 haben sich in mehreren
Jahrgängen insgesamt rund 100 Teilneh-
mer immatrikuliert, heißt es. Aufgrund
der gestiegenen Nachfrage hat die Fach-
hochschule des Mittelstands das Triale
Studium nun auch für weitere Standorte
vorgesehen. Nachdem es im Winterse-
mester 2014 am Campus Hannover an
den Start ging, soll der Campus Schwerin
2016 nachziehen.
Wie interessiert Betriebe auf das Studien-
angebot reagieren, skizziert Nadine Grün,
verantwortlich für Hochschulkontakte bei
der Handwerkskammer der niedersächsi-
schen Landeshauptstadt. „Eltern von Stu-
dienkandidaten sagen frei heraus, dass
sie gern selbst so ein Studium absolviert
hätten, um ihre Betriebe zu gründen oder
aufzubauen.“ Sie hätten sofort den Vor-
teil des Trialen Studiums erkannt, dass
die Teilnehmer ihren Beruf von der Pike
auf erlernen und so den insbesondere
im Handwerk geforderten „Stallgeruch“
mitbringen würden. Rückten sie erst in
leitende Positionen auf, so Grün, „wird
ihnen hohe Wertschätzung zuteil“.
Neben dem in Familienbetrieben für hö-
here Aufgaben vorgesehenen Nachwuchs
will man für das Studienangebot als wei-
tere Zielgruppe auch Studienabbrecher
gewinnen, die eine stärkere Praxisorien-
tierung der Theorie vorziehen wollen.
Auch in der Dachdeckerfirma von Jost
Presuhn absolviert ein Studienabbrecher
nun seine Lehre. „Im Unterschied zu an-
deren Lehrlingen weiß er als 22-Jähriger
schon, wie das Leben spielt“, sagt der
Handwerksmeister.
Der Betrieb in Wunstorf bei Hannover
wird heute in der fünften Generation
geführt. Doch gegen die Verwerfungen
am Arbeitsmarkt kann Tradition wenig
ausrichten: Wie Schwamborn klagt auch
Presuhn, der zwölf Mitarbeiter beschäf-
tigt, über drastisch sinkende Bewerber-
zahlen. „Heute will doch niemand mehr
auf den Bau“, beklagt sich der Dachde-
ckermeister über den herben Image­
verlust des Handwerks. Dass er durch
Vermittlung der Handwerkskammer
einen Studenten als Azubi an Bord lotsen
konnte, verknüpft er deshalb mit hohen
Erwartungen. Nicht nur sein betriebswirt-
schaftliches Wissen könne dem Betrieb
helfen. „Ich verspreche mir während der
Ausbildung, dass wir von ihm auch als
Mensch profitieren.“
Vom potenziellen Führungsnachwuchs
zeigen sich auch andere Firmen im Bau-
handwerk angetan. Wie Grün berichtet,
habe ein junger Mann, der eine Mau-
rerausbildung mit dem Trialen Studium
kombinieren möchte, um später Bauleiter
zu werden, bereits drei Zusagen von Bau-
unternehmen erhalten. Insgesamt hätten
sich schon 30 Betriebe als Ausbilder für
Triale Studenten ins Gespräch gebracht.
„Inserieren sie Ausbildungsangebote in
unserer Lehrstellenbörse, teilen sie darin
gleich mit, dass auch Interessenten für
ein Triales Studium willkommen sind“,
so Grün.
Zukunftsbild: Junge Führungs-
kräfte im Handwerk
Diese Dynamik in der Nachfrage erhof-
fen sich auch die Verantwortlichen, die
gemeinsam mit der Hochschule Nieder-
rhein das Triale Studium auf den Weg ge-
bracht haben. Frank Mund, Vorstand der
Kraftfahrzeug-Innung Mönchengladbach
und einer der Drahtzieher des neuen
Studienangebots, verweist darauf, dass
in der Region demnächst 9.000 Betriebe
altersbedingt an einen Führungsnachfol-
Foto: Antonina Gern
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