wirtschaft und weiterbildung 4/2016 - page 64

grundls grundgesetz
Boris Grundl
64
wirtschaft + weiterbildung
04_2016
„Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht.“ Stimmt
dieses Sprichwort? Wenn ja, haben Sie schon ein-
mal gelogen? Oder mehrmals? Zahlreiche wissen-
schaftliche Studien attestieren dem Menschen häu-
figes Lügen. Kann man Ihnen also noch glauben,
oder sind Sie ein Lügner?
Hier müssen Sie sicher mit doppeltem „Ja“ ant-
worten. Präziser vielleicht, dass Sie, bis auf wenige
Ausnahmen, die Wahrheit sagen. Doch die Tatsache
bleibt, Sie sind auch ein Lügner – nicht nur, aber
auch. Und was, wenn jemand Sie in einem wichtigen
Punkt belügt? Ist das jetzt nur ein Lügner – oder
auch? Macht die persönliche Betroffenheit den
anderen zum generellen Lügner? Ausreichende
Distanz im persönlichen Erleben scheint schwie-
rig. Das kann uns zu Wahrnehmungs-Extremisten
machen.
Menschen, die unbeirrbar an andere glauben,
haben meist zwei Erfahrungen gemacht: Zunächst
haben sie bei sich selbst ein Potenzial freigelegt
und vertrauen darauf, dass die Entwicklungschan-
cen anderer ebenso aktiviert werden können und
müssen. Und sie haben ihre zwangsläufigen Enttäu-
schungen durch andere vergeben. Immer wieder.
Vergeben ist wichtig, aber alles andere als leicht.
Ohne uns und anderen regelmäßig zu vergeben,
vergiften wir unsere Seele und verfremden unsere
Wahrnehmung.
Doch nicht jeder entgeht dem mentalen Extremis-
mus. Jede Ausbildung, jeder Beruf, jede Stellenbe-
schreibung verlangt eine Daseinsberechtigung. Ein
Chirurg will operieren, ein Zimmermann Holz verar-
beiten und ein Therapeut will Menschen auf seiner
Couch – nach der Devise: Wenn jemand einen
Hammer hat, sieht alles nach einem Nagel aus.
Treffen „Selbstbestätigungsdrang“ und „Selbstwert-
mangel“ in einer einflussreichen Person zusammen,
sollten Sie Ihre Beine in die Hand nehmen.
Ein überehrgeiziger Einkäufer drückt Lieferanten so
lange, bis die Produktqualität oder gar der ganze
Zulieferer den Bach runtergehen. Rollstuhlfahrer
empfinden jede Treppenstufe als Angriff auf ihre
Freiheit. Denken Sie an eine Gleichstellungsbeauf-
tragte, die harmlose Frau-Mann-Situationen ganz
anders beurteilt, nachdem sie installiert wurde.
Oder Veganer: Viele vergessen, dass jeder nach sei-
ner Fasson essen soll. Es scheint, wir müssen uns
Toleranz jeden Tag neu erarbeiten.
Wenn wir selbst lügen, stellen wir egoistische
Bedürfnisse über die Wahrheit und finden das
richtig. Mitmenschen sind kaum anders. Lügen wir,
müssen wir einsehen, selbst belogen zu werden.
Das ist stimmig. Menschen lügen, sprechen wahr,
sind aufrecht, verbiegen sich, klagen an, vergeben,
hängen sich rein, machen sich vom Acker. Sind
Heilige und Teufel. Mal mehr, mal weniger. Und
große Persönlichkeiten haben mehr von
der einen Seite als von der anderen. Das
nennt man dann Charakterschule. Genau
diese Charakterschule zählt in der Füh-
rung. Erkennen Sie Ihren eigenen Extre-
mismus, können Sie ihn auflösen. Danach lernen
Sie, den Extremismus anderer zu entschärfen. Sie
erkennen, warum jemand lügt oder die Dinge ver-
zerrt. Sie leben ein Paradoxon: Einerseits haben Sie
Verständnis für menschliche Schwächen, anderer-
seits nicht. Ein interessantes Spannungsfeld. Denn
in der Mitte dieser Spannung liegt ein klarer und
distanzierter Blick auf sich selbst und andere. Und
wie hilfreich dieser Blick für bessere Ergebnisse ist,
brauche ich Ihnen sicher nicht zu sagen.
Paragraf 44
Meide mentalen
Extremismus
Boris Grundl ist Managementtrainer und Inhaber der Grundl Leadership Akademie, die Unternehmen befähigt, ihrer Führungsverantwortung gerecht zu werden.
Grundl gilt bei Managern und Medien als „der Menschenentwickler“ (Süddeutsche Zeitung). Sein neues Buch heißt: „Mach mich glücklich. Wie Sie das bekommen,
was jeder haben will“ (Econ Verlag 2014, 246 Seiten, 18 Euro). Boris Grundl beweist, wie leicht und schnell das Verschieben von Verantwortung in eine
zerstörerische Sackgasse führt und die persönliche Weiterentwicklung und damit Glück verhindert.
Lügen wir, dann müssen wir einsehen,
selbst belogen zu werden.
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