Immobilienwirtschaft 3/2019 - page 10

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POLITIK, WIRTSCHAFT & PERSONAL
I
WOHNUNGSMARKT
Kommunale Kehrtwenden
Z
uzug aus dem Umland, mehr Single-
und Familienhaushalte im Stadt-
gebiet, in der Folge eine steigende
Konkurrenz um Wohnraum und in die
Höhe schießende Preise – in Kiel, Lan-
deshauptstadt und Schwarmstadt hoch
im Norden, schlagen sich die bundes-
weiten Trends auf dem Wohnungsmarkt
glasklar nieder. So deutlich, dass die Stadt
eine Kehrtwende vollzieht: Fast 20 Jahre
nach dem Verkauf ihrer kommunalen
Wohnungsgesellschaft hat die Rats­
versammlung die Gründung einer neu-
en ebensolchen Gesellschaft beschlossen.
„Wir legen damit den Grundstein für eine
noch aktivere Rolle der Stadt im Woh-
nungsbau“, begründet Sozialdezernent
Gerwin Stöcken den Schritt. Die Gesell-
schaft solle ein „wichtiger Motor“ für
denWohnungsbau werden; mit welchem
Budget sie startet, sei noch offen. Die da-
malige Kieler Wohnungsbaugesellschaft
(KWG) soll Medienberichten zufolge
für um die 250 Millionen DM verkauft
worden sein, zusätzlich hatte der Käufer
die Verbindlichkeiten der Gesellschaft
übernommen.
wesen, die sich mit der Bitte um Beratung
an den Verband wandten; Gemeinden, in
denen es keine bundesweiten Schwerge-
wichte auf demörtlichenWohnungsmarkt
gab und kleinere Unternehmen oder Ge-
nossenschaften mit der Bestandspflege
ausgelastet waren. „Die größeren und
kreisfreien Städte haben in der Regel auch
in finanziell schwierigen Zeiten an ihren
Gesellschaften festgehalten“, sagt Rychter.
In Kiel wird eine neue
Wohnungsgesellschaft
gegründet – 20 Jahre
nach dem Verkauf der
früheren KWG
Seine Kollegen in Baden-Württem-
berg berichten ebenfalls von kleineren
Gemeinden, die aktiv werden oder werden
wollen. So hat sich beispielsweise Mühl­
acker, eine Stadt mit mehr als 25.000 Ein-
wohnern zwischen den Ballungsräumen
Stuttgart und Karlsruhe, vor zwei Jahren
Mit dem im Herbst beschlossenen Schritt
ist Kiel längst kein Einzelfall: Landauf,
landab versuchen Kommunen, mit der
Neugründung eigener Unternehmen
wieder Einfluss auf die Entwicklungen
imWohnungsbau zu nehmen – und zwar
häufig, nachdem sie vor absehbarer Zeit
kommunale Baugesellschaften verkauft
und damit den Rückzug vom Markt be-
siegelt hatten. Um die Jahrtausendwende
war die Wertschätzung für dieses woh-
nungspolitische Steuerungselement stark
gefallen; das Wohnungsgemeinnützig-
keitsgesetz gab es nicht mehr, die Märkte
hatten sich entspannt und Kommunal-
verantwortliche betrachteten „ihre“ Un-
ternehmen als vermeintliches Tafelsilber
in neuem Licht.
Diese Einstellung habe sich in den ver-
gangenen Jahren erkennbar umgekehrt,
bekräftigt der Direktor desWohnungsver-
bands Rheinland Westfalen (VdW-RW),
Alexander Rychter. „Die Thematik nahm
mit der Flüchtlingswelle etwa ab 2015 an
Fahrt auf “, erklärt Rychter für sein Ver-
bandsgebiet. Hier seien es vor allem klei-
nere und kreisangehörige Kommunen ge-
Foto: Marian Salabai, Heiko Kueverling/shutterstock.com
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