Region Report Frankfurt - page 15

15
FINANZSTANDORT
MICHAEL DEBUS:
„Derzeit ist noch unklar, welche
Auswirkungen der Brexit auf den
Finanzplatz Frankfurt haben dürf-
te. Wie viele neue Arbeitsplätze
werden langfristig in Frankfurt zu-
sätzlich benötigt, wie viel zusätz-
liche Nachfrage nach Wohnraum
wird entstehen? Der Frankfurter
Büromarkt weist noch einen re-
lativ hohen Leerstand auf. Auch
stehen noch weitere größere
Flächenkontingente bereit, bei
denen eine Nutzung umfang-
reichere
Revitalisierungsmaß-
nahmen erfordert. Gerade bei
den Flächen, die den heutigen
Ansprüchen nicht genügen, quä-
len sich die Eigentümer mit der
Frage, ob diese Gebäude noch
vermarktbar sind oder welche
Alternativnutzung wirtschaftlich
ist. Neben mehreren planungs-
rechtlich bereits möglichen Neu-
baumaßnahmen in zentraler
Lage gibt es weitere Standorte
wie Merton, Nieder-Eschbach,
Rödelheim, Sossenheim oder
Niederrad, die dann wieder in
den Fokus der Investoren gerückt
würden. Der Umzug von Mietern
aus diesen dezentralen Lagen
ins Zentrum würde gestoppt,
eventuell würde sogar eine ent-
gegengesetzte Wanderung ein-
setzen. Im Wohnungsbau würde
allerdings eine erhöhte Nachfra-
ge auf einen bereits angespann-
ten Wohnungsmarkt treffen und
die Gefahr einer Gentrifizierung
noch erhöhen. Aber auch hier ist
Frankfurt in den vergangenen Jah-
ren einen guten Weg gegangen,
indem das Umland verstärkt in
die Wohnbauentwicklung einbe-
zogen wurde. Es ist nicht nur der
Wohnstandort Frankfurt im Fokus,
sondern die Region Rhein-Main
mit ihrer sehr guten Anbindung
durch den Personennahverkehr
und ein umfangreiches Fernstra-
ßennetz.“
Michael Debus,
Vorsitzender des
Gutachteraus-
schusses für Im-
mobilienwerte für
den Bereich der
Stadt Frankfurt
DR. STEFAN MITROPOULOS:
„Enden die Austrittsverhandlungen
mit einem Kompromiss – was am
wahrscheinlichsten ist –, wären
die Folgen überschaubar. Für die
Unternehmen insbesondere im
Finanzsektor käme es vermutlich
dennoch zu einigen Einschrän-
kungen beim Zugang zum EU-
Dr. Stefan
Mitropoulos,
Helaba Volkswirt-
schaft/Research
Binnenmarkt. Kommt es dagegen
nicht zu einer Einigung, ginge der
uneingeschränkte Zugang zum EU-
Binnenmarkt verloren. London als
Standort vieler Zentralen außereu-
ropäischer Unternehmen wäre von
umfangreicheren Verlagerungen
nach Kontinentaleuropa betroffen.
Auch ein bedeutender Teil der Fi-
nanzgeschäfte würde zu anderen
Bankenplätzen abwandern. In bei-
den Szenarien führt der Brexit nicht
nur zu Beeinträchtigungen für die
deutsche Wirtschaft. Speziell für
Frankfurt bieten sich damit auch
große Chancen. London wird durch
den Brexit Arbeitsplätze in der Fi-
nanzbranche verlieren. Aufgrund
der unterschiedlichen Größenver-
hältnisse der beiden Städte dürfte
allerdings klar sein: Selbst ein mo-
derater Beschäftigungsverlust in
London könnte dem viel kleineren
Frankfurt zu einem relativ beacht-
lichen Zuwachs verhelfen und dem
hiesigen Büromarkt kräftige Im-
pulse geben. Doch die Konkurrenz
schläft nicht, auch andere europä-
ische Finanzplätze wie Paris oder
Dublin möchten „einen Teil vom
Kuchen“ abbekommen. Frankfurt
ist als führender Finanzplatz Konti-
nentaleuropas und als die Nummer
zwei hinter London gut aufgestellt.
So dürften zahlreiche Arbeitsplätze
von der Themse an den Main ver-
lagert werden. Wichtiger Pluspunkt
ist die wirtschaftliche Stärke und
Stabilität Deutschlands. Die her-
vorragenden verkehrstechnischen
Möglichkeiten ziehen viele auslän-
dische Finanzplatz-Akteure an, wel-
che die Main-Metropole oft auch
als Sprungbrett in nahe gelegene
Länder nutzen. Mit der EZB besitzt
das deutsche Finanzzentrum ein
unschlagbares Asset. All diese Stär-
ken gilt es selbstbewusst und mit
vereinten Kräften zu vermarkten. Je
mehr dies dem deutschen Finanz-
zentrum gelingt, umso mehr kann
es vom Brexit profitieren.“
TIMOTHY HORROCKS:
„Aus der Investorenperspektive be-
trachtet hat Frankfurt durchaus das
Potenzial, Firmen, die aus London
abwandern, anzulocken. Für Finanz-
unternehmen kommt ein Teilumzug
schon insofern in Frage, als dass
viele Firmen hier sowieso mit Nie-
derlassungen vertreten sind. Auch
der Sitz der Europäischen Zentral-
bank in Frankfurt macht die Stadt zu
einem attraktiven Standort.“
ULRICH HÖLLER:
„Trotz aller negativen Begleiter-
scheinungen kann der deutsche
Immobilienmarkt und Frankfurt ins-
besondere zumindest mittelfristig
mit neuen Impulsen rechnen. Zu
erwarten ist, dass institutionelle In-
vestoren verstärkt die Märkte in Eu-
ropa ins Visier nehmen. Viele global
tätige Unternehmen nutzen London
als Europazentrale. Für sie wird eine
Verlagerung in andere europäische
Städte und gerade nach Frankfurt
als Standort der EZB zunehmend in-
teressant werden, um Nachteile zu
vermeiden, die ein Sitz außerhalb
der EU mit sich bringen könnte.“
Ulrich Höller,
Vorsitzender des
Vorstands der
GEG German
Estate Group
Timothy
Horrocks,
Head
of Continental
Europe, TH Real
Estate
MARTIN STEININGER:
„Die City of London wird weiterhin
eine der bedeutendsten Finanzme-
tropolen Europas bleiben. Zudem
können positive Effekte von Verla-
gerungen von der weiter notwen-
digen Konsolidierung innerhalb der
Bankenbranche überlagert werden.
Bis zu einem Verhandlungsergeb-
nis aus Brüssel wird der Status quo
zu einem Aufschieben von Unter-
nehmensentscheidungen führen.“
Martin Steinin-
ger,
Chef-
volkswirt der
Bulwiengesa AG
THOMAS SCHMENGLER:
„Da sich bisher noch keine Bank
konkret zu Umzugsplänen geäußert
hat, können die Auswirkungen des
Brexit für den Immobilienmarkt
Frankfurt nur grob skizziert werden.
Das derzeitige Angebot an hoch-
wertigen Büroflächen in zentralen
Lagen ist überschaubar, neue Groß-
flächen in Hochhäusern (beispiels-
weise Marienturm oder der Turm
auf dem ehemaligen Metzler-Are-
al) kommen frühestens 2018 auf
den Markt. Falls vorher bereits in
größerem Umfang Verlagerungen
stattfänden, wäre in den genann-
ten Teilmärkten mit Mietanstiegen
zu rechnen. Auf dem bereits ange-
spannten Wohnungsmarkt dürfte
es in einer Übergangszeit zu einer
erhöhten Nachfrage bei Serviced-
Apartments kommen und mit-
tel- bis langfristig wäre mit einer
zusätzlichen Nachfrage nach Miet-
und Eigentumswohnungen zu rech-
nen, wodurch die Mieten und Kauf-
preise insbesondere in begehrten
Lagen weiter steigen dürften.“
Thomas
Schmengler,
Geschäftsführer
der Deka Immo-
bilien
1...,5,6,7,8,9,10,11,12,13,14 16,17,18,19,20,21,22,23,24,25,...36
Powered by FlippingBook