wirtschaft und weiterbildung 10/2015 - page 56

messen und kongresse
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wirtschaft + weiterbildung
10_2015
Jutta Rump verwies auf die große Breite
des Messe-Mottos: „Wir sehen hier nicht
nur die Industrie 4.0 und die Digitalisie-
rung als Treiber, sondern auch den Werte-
wandel in der jungen Generation und den
demografischen Wandel“, erklärte die
Leiterin des Instituts für Beschäftigung
und Employability (IBE) an der Hoch-
schule Ludwigshafen.
Er könne mit dem Schlagwort „Arbeiten
4.0“ nicht viel anfangen, befand hingegen
der Organisationssoziologe Professor Ste-
fan Kühl, Bielefeld. Der Begriff, den die
Bundesregierung geprägt habe, sei völlig
fiktiv. „Warum 4.0? Das könnte auch 5.0
oder 6.3 heißen.“ Im Grunde genommen
handele es sich beim aktuellen Wandel in
der Arbeitswelt um einen ganz normalen
Prozess. Es gehe um Rationalisierung. Sie
spiele schon seit Jahrzehnten eine große
Rolle in den Unternehmen und die Logik
der Rationalisierung habe sich nicht ge-
ändert. Auch seien Unternehmen schon
immer komplex gewesen. „Ich bin auch
nicht wirklich davon überzeugt, dass wir
grundlegend eine wirkliche Beschleuni-
gung haben“, so der Soziologe. „Aber die
Aufmerksamkeitsspannen werden kürzer
und die Erreichbarkeit hat sich verän-
dert.“
Kühl wies darauf hin, dass Maßnahmen
wie Dezentralisierung oder Hierarchieab-
bau gut erforscht seien und dass es ihn
sehr verwundere, dass in der aktuellen
Diskussion keiner über die zwangsläu-
figen Nachteile solche Vorgehensweisen
rede. Sich selbst steuernde, dezentrale
Einheiten würden früher oder später
gegeneinander um Ressourcen kämp-
fen und Hierarchieabbau bedeute, dass
die wenigen Hierarchen, die noch übrig
blieben, sehr viel mehr Macht hätten als
früher. Ansonsten würde die Abwesen-
heit von Führung zur Folge haben, dass
gleichberechtigte Mitarbeiter mehr Zeit
mit Machtkämpfen mit ihren Kollegen
verbringen würden, statt wie erhofft har-
monisch ihre Interessen auszuhandeln.
Stuhl am Tisch der Bosse?
Stefan Ries, Chief Human Resources Of-
ficer und Member of the Global Managing
Board der SAP SE, bewertete das Schlag-
wort „Arbeiten 4.0“ positiv für seine
Profession: „Ich bin seit 26 Jahren aktiv
im Personalmanagement. Was ich nicht
mehr hören kann, ist diese weinerliche
Frage: Haben wir einen Stuhl am Tisch
der Entscheider?“. Das Messe-Motto
könnte dabei helfen, eine Aufbruchsstim-
mung im Personalmanagement zu gene-
rieren, so Ries.
Besonders stolz war die „Zukunft Per-
sonal“ darauf, dass sie 25 Start-ups auf
die Messe holen konnte. Die Frischlinge
präsentierten auf einer Sonderfläche neue
Produkte und Dienstleistungen für Perso-
nalabteilungen. Die Geschäftsideen reich-
ten von einer Vermittlungsplattform für
ältere Angestellte bis hin zu Online-Tools,
die das 360-Grad-Feedback oder die Be-
wertung von Präsenzseminaren optimie-
ren. Die zum Teil sehr innovativen Start-
ups waren im Einzelnen:
Ralf Hocke, Geschäftsführer vom Veran-
stalter Spring Messe Management, Mann-
heim, einer Tochtergesellschaft der Deut-
schen Messe, Hannover, zeigte sich sehr
zufrieden mit dem Besucherzuwachs.
Die Behauptung, das Internet mache das
vertrauenschaffende, persönliche Treffen
auf traditionellen Messen überflüssig, sei
eindeutig widerlegt. „Menschen wollen
sich treffen und sich austauschen“, sagte
Hocke und verwies darauf, dass diese Er-
fahrung in letzter Zeit von allen großen
Messegesellschaften gemacht worden sei.
Viele Industriemessen erlebten einen Auf-
schwung. Das reale Treffen vor einem Ge-
schäftsabschluss gewinne sogar noch an
Bedeutung. Die Aussteller müssten aber
Rücksicht darauf nehmen, dass die Besu-
cher wesentlich informierter zur Messe
kämen als früher. Sie suchten im Kon-
gressteil einer Messe nach Trends aber
auch nach Erlebnissen und erkundigten
sich gezielter an den Messeständen nach
Produktneuheiten. „Eine Messe wird
auch in Zukunft eine große Bedeutung
haben“, so Hocke.
Messe-Motto als Klammer
Zum ersten Mal hatte die Messegesell-
schaft ein Motto ausgegeben. Dieses
Messe-Motto hieß „Arbeiten 4.0“ und
sollte dazu dienen, die Digitalisierung als
den gemeinsamen Nenner der insgesamt
220 Vorträge des Rahmenprogramms he-
rauszustellen. Auch in Zukunft soll ein
Messe-Motto das zentrale Thema der
Branche verdeutlichen und potenzielle
Besucher neugierig machen. Professor
„Arbeiten 4.0“ – nur ein
Marketing-Begriff?
RÜCKBLICK.
Auf der „Zukunft Personal“ in Köln, nach eigener Einschätzung Europas
führender Messe für Personalmanagement, zeigten 651 Aussteller (+2,5 Prozent) in vier
Hallen, wie das Personalmanagement derzeit dem Wandel in der Arbeitswelt begegnet.
Die Ausstellungsfläche wuchs um sieben Prozent und die Zahl der Besucher stieg im
Vergleich zum Vorjahr um 7,4 Prozent auf 15.262 Menschen.
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