wirtschaft und weiterbildung 10/2015 - page 64

grundls grundgesetz
Boris Grundl
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wirtschaft + weiterbildung
10_2015
Anerkennung – was löst dieses Wort in Ihnen aus?
Denken Sie zuerst an Lob, Würdigung, Ehrung und
Wertschätzung – Anerkennung von anderen? Oder
spüren Sie, dass darin noch mehr steckt? Um Aner-
kennung geht es ebenfalls, wenn wir einen Rechts-
anspruch oder Schuld anerkennen. Oder wenn wir
unsere eigenen Möglichkeiten oder Limitierungen
anerkennen. Doch so vielfältig Anerkennung auch
ist, eines wird immer offenbar: Wenn wir etwas mit
klarem Blick erfassen, erkennen wir an, wie etwas
tatsächlich ist und nicht, wie wir es gerne hätten.
Vielleicht haben Sie es bemerkt: Die Defizite
anderer sehen wir leichter als deren Fähigkeiten.
Deswegen heißt es in der Bergpredigt: „Warum
siehst Du den Splitter im Auge Deines Bruders, aber
den Balken in Deinem Auge bemerkst Du nicht?“
Noch schwerer tun wir uns mit uns selbst. Manche
geißeln sich trotz herausragender Leistungen mit
Perfektionswahn. Andere verlangen eine Ehrung,
weil sie pünktlich zur Arbeit erscheinen. Die eigenen
Fähigkeiten, Potenziale und Limitierungen zu erken-
nen, ist extrem schwierig. Aus meiner Erfahrung ist
das Leben der beste Lehrer dafür.
Vor einigen Jahren sagte der CEO einer Pharma-
firma nach einem Vortrag zu mir: „Es ist exzellent,
wie Sie das Thema Führung vermitteln. Inspirierend,
sauber hergeleitet und kompetent präsentiert. Auf
den Punkt. Klasse! Ich habe nur ein Problem, Füh-
rungsstärke von einem Mann im Rollstuhl anzuneh-
men.“ Wenn ich diese Geschichte erzähle, dreschen
die Zuhörer mit der moralischen Keule gedanklich
auf den CEO ein. Auch ich war geschockt, aber mir
wurde klar: Für einen Führungsexperten im Rollstuhl
ist es tatsächlich schwierig, Stärke zu symbolisie-
ren. Das Thema Führung wird primär mit Stärke, ein
Rollstuhl mit Schwäche assoziiert. Ich hatte drei
Möglichkeiten: 1. Mich über das gesellschaftliche
Behindertenbild zu beschweren und gegen Wind-
mühlen zu kämpfen. Ergebnis: Frustration. 2. Mich
geschlagen in die Opferrolle zu begeben. Ergebnis:
Stagnation. 3. Bei mir zu bleiben, weiter
an den inneren Kern meiner Stärke zu
glauben und daran zu arbeiten. Ergebnis:
Transformation.
Es verlangt Mut, nicht nur seine Sonnen-
seiten zu betrachten. Es ist eine Kunst,
den Blick auf die eigenen Limitierungen auszuhal-
ten. Ohne Koketterie! Mut und Kunst fehlen, wenn
wir andere mehr kritisieren als uns selbst, oder
wenn wir die Leistung anderer kleinreden, statt sie
zu würdigen. Stattdessen sollten wir uns selbst
analysieren. Anerkennen, was ist! Denn erst wenn
wir die Realität bei uns anerkennen, können wir
für das leben, wofür wir gemeint worden sind. Nur
so werden wir bereit für ein Leben mit maximalen
Chancen. Ohne uns selbst zu limitieren.
Dank des ehrlichen CEO-Feedbacks habe ich meine
Lektion gelernt. War es schmerzhaft? Ja. War das
anschließende Ringen um Einsicht aufreibend? Ja.
War das Umsetzen der Erkenntnis anstrengend?
Und wie! Hat es sich wenigstens gelohnt? Ja. Heute
steht mein Rollstuhl für Stärke und öffnet Türen.
Ich bin in diesem Prozess innerlich frei geworden,
denn ich weiß: Es gibt nur einen Weg, daran zu
wachsen: Bei sich bleiben, nachdenken und kon-
sequent handeln. So entwickeln Sie Freiheit und
Stärke, mit denen es keine äußere Anerkennung
aufnehmen kann. Denn Sie haben sich selbst aner-
kannt. Es gibt kein größeres Geschenk, das Sie sich
machen können.
Paragraf 39
Erkenne an, was ist!
Boris Grundl ist Managementtrainer und Inhaber der Grundl Leadership Akademie, die Unternehmen befähigt, ihrer Führungsverantwortung gerecht zu werden.
Grundl gilt bei Managern und Medien als „der Menschenentwickler“ (Süddeutsche Zeitung). Sein neues Buch heißt: „Mach mich glücklich. Wie Sie das bekommen,
was jeder haben will“ (Econ Verlag 2014, 246 Seiten, 18 Euro). Boris Grundl beweist, wie leicht und schnell das Verschieben von Verantwortung in eine
zerstörerische Sackgasse führt und die persönliche Weiterentwicklung und damit Glück verhindert.
Einmal hatte ein Vorstand das
Problem, Führungsstärke von einem
Mann im Rollstuhl zu lernen.
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