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05/18 personalmagazin
Bei Fragen wenden Sie sich bitte an
I
n der Baumwollspinnerei Kolber-
moor, unmittelbar an der Mangfall
nahe Rosenheim gelegen, drehten
sich 130 Jahre lang Zehntausende
von Garnspulen. Heute dreht sich in dem
aufwendig restaurierten Industriedenk-
mal alles um IT-Technologie, Gesundheit,
kulturelle Events und Erlebnisgastro-
nomie. Gesponnen wird immer noch,
zum Beispiel über neurobiologische
Persönlichkeitsentwicklung, Holacracy
als Managementmethode oder die Digi-
talisierung des Handels: Unternehmer,
Manager, Absolventen, Experten treffen
sich regelmäßig in den Räumen des Web-
und E-Commerce-Dienstleisters Tech Di-
vision, der seit 2011 seinen Firmensitz
auf der Spinnereiinsel hat, zum „Rosen-
heimer New Work Meetup“. Die dazu-
gehörige Online-Community zählt 320
Mitglieder – viel Außenwirkung für ein
Unternehmen mit gut 90 Mitarbeitern.
Mittelständler experimentieren mit
„Management 3.0“
Tech Division praktiziert einen syste-
mischen Führungsansatz, den der Au-
tor und Berater Jurgen Appelo unter
dem Begriff Management 3.0 einge-
führt hat: Unternehmen sind lebende
Organismen beziehungsweise soziale
Systeme, die dadurch agil werden, dass
Menschen sich verstehen, vertrauen,
verbünden. „Dahinter verbirgt sich
im Prinzip nichts weiter, als Manage-
ment sukzessive auf Mitarbeiter und
die operativen Teams zu übertragen,
um schneller und besser Entscheidun-
Von
Christoph Stehr
gen ‚am Puls des Geschehens‘ treffen
zu können“, sagt Josef Willkommer,
Mitgründer und Geschäftsführer von
Tech Division. In der Praxis sieht das
so aus, dass die Teams bestimmen,
wen sie einstellen, wo und wann ge-
arbeitet wird, welche Weiterbildungen
sinnvoll sind. Kernwerte dieser Per-
sonalstrategie seien Zuverlässigkeit,
Nachhaltigkeit, Anpassungsfähigkeit,
Mitarbeiter- und Kundenzufriedenheit,
sagt Willkommer. Den Mitarbeitern ist
zwar vieles selbst überlassen, aber sie
werden nicht allein gelassen: Das Ma-
nagement und die Personalabteilung
geben teamübergreifend Input, bei-
spielsweise durch 360-Grad-Gespräche
oder indem Kontakte zu Hochschulen
geknüpft werden. Zudem hält man bei
den Meetups die Augen nach Talenten
offen, „was im Übrigen extrem gut
funktioniert“, so Willkommer.
Kleine und mittlere Unternehmen
(KMU) stehen vor denselben Herausfor-
derungen – Digitalisierung, Industrie
4.0, agile Organisation, demografischer
Wandel – wie Großunternehmen, verfü-
gen jedoch nicht über deren Ressourcen,
um die moderne Arbeitswelt zu gestal-
ten. Eine umfassende Personalstrategie
inklusive der Schlüsselthemen Führung,
Diversity, Gesundheit, Kompetenzent-
wicklung sei daher im Mittelstand im-
mer noch selten, beobachtet der Trierer
Wirtschaftsprofessor Dr. Jörn Hendrich
Block (siehe Interview auf Seite 20ff).
Schnellboot versus Tanker
Trotzdem kreuzen KMU nicht ziellos
auf hoher See. Sie finden eigene, maß-
geschneiderte HR-Lösungen. „Die Qua-
litäten des Familienunternehmens, der
klare Wille der Eigentümer, kurze Ent-
scheidungswege und die Bereitschaft
zum Experimentieren prägen die Kul-
tur“, sagen die Wiener Management­
berater Dr. Susanne Ehmer und Herbert
Schober-Ehmer. „Wir nennen die Steue-
rung ‚hybrid‘: eine gelungene Mischung
von gleichberechtigtem Nebeneinander
Ideen und Ideale
PRAXIS.
Mit welchen HR-Strategien mittelständische Unternehmen den Heraus­
forderungen des Digitalzeitalters begegnen und die Arbeitswelt 4.0 gestalten.
„Auf der einen Seite wollen junge
Mitarbeiter gerne mehr Verantwor-
tung übernehmen, auf der anderen
Seite fällt ihnen dies häufig schwer,
weil unser Bildungssystem darauf
ausgelegt ist, dass es ‚Vorturner‘ in Form von Leh-
rern und Professoren gibt, die sagen, was zu tun ist.“
Josef Willkommer, Mitgründer und Geschäftsführer, Tech Division GmbH, Kolbermoor
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