PERSONALquarterly 4/2015 - page 6

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SCHWERPUNKT
_INTERVIEW
PERSONALquarterly 04/15
PERSONALquarterly:
Mit welchen HR-Maßnahmen kann man Inno-
vationen in Unternehmen fördern?
Michael Frese:
Das ist leider sehr schwer zu sagen. Eines der
Probleme von Innovationen ist, dass sie von vielen Zufällen ab-
hängen. Deshalb muss man also dem Zufall „nachhelfen“. Das
kann man, indemman alles fördert, was zufällige und vor allem
viele Ideen produziert. Deshalb erlaubt und fördert Google zu-
fällige Begegnungen mit anderen durch Spiele, durch häufiges
Zusammensein und so weiter. Das kann unter Umständen auch
der Plausch unter Kollegen in der Kaffeeküche sein.
Von besonderer Bedeutung ist vor allem die Kultur eines Un-
ternehmens. Zum Beispiel hat sich herausgestellt, dass Teams,
die sehr leistungsorientiert sind und jede Art von innovativen
Ideen unterstützen und wertschätzen, besonders viele Inno-
vationen produzieren. Dazu kommt, eine Kultur der Akzep-
tanz zu fördern, indem Vorschläge von Angestellten nicht
vorschnell verurteilt werden und dies auch dann nicht, wenn
sie gewohnten Denkweisen und Traditionen widersprechen. In
vielen Firmen ist es üblich, kreative Angestellte als Besserwis-
ser und Störenfriede anzusehen, anstatt ihr Potenzial und die
daraus erwachsenden Chancen zu erkennen. In diesem Zusam-
menhang spielen die Wahrnehmung, Akzeptanz und sogar das
Nutzen von Fehlern eine große Rolle. Es ist eine Binsenweis-
heit, dass Menschen aus Fehlern lernen – dennoch werden
Fehler oft bestraft und die entsprechende Person schnell als
fahrlässig oder inkompetent angesehen. Dies hat negative Kon-
sequenzen, da es dazu führt, dass Fehler vertuscht werden und
das innovative Potenzial nicht ausgeschöpft wird.
Zudem ist der Druck, in kürzeren Zyklen Innovationen auf den
Markt zu bringen, höher geworden. Da dieser Zeitdruck mehr
Fehler wahrscheinlich macht, ist es nötig, zu lernen, das Auf-
treten dieser Fehler zu akzeptieren und mit ihnen produktiv
umzugehen. Natürlich ist es sinnvoll, Fehler zu vermeiden,
wo es geht, aber im Extremfall verengt das den Fokus und
reduziert die Innovationsfreude. Die Forschung zeigt, dass Fir-
men mit gutem Fehlermanagement innovationsfreudiger und
profitabler sind.
PERSONALquarterly:
Können Sie näher erklären, was Sie damit
meinen?
Wie HR-Maßnahmen Innovationen fördern
Das Interview mit
Prof. Dr. Michael Frese
(Leuphana Universität Lüneburg) führte
Dr. Holger Steinmetz
(Universität Paderborn)
Michael Frese:
Innovationen beinhalten ja immer etwas Neues,
und wenn man etwas Neues tut, dann macht man auch mehr
Fehler. Da man das weiß, vermeidet man Innovationen, wenn
Fehler bestraft werden. Aber Fehler können auch Innovationen
selbst hervorbringen. Da man sich oft in einer neuen Situation
befindet, wenn man einen Fehler gemacht hat, kann diese Si-
tuation einem neue Ideen vermitteln. So ist zum Beispiel Peni-
zillin „gefunden“ worden. Dasselbe gilt auch für Viagra – durch
Fehler hat man plötzlich etwas gefunden, was eigentlich ganz
anders gemeint war, und daraus wurde dann eine Innovation
entwickelt.
Der Satz, „Fehler zu akzeptieren“, heißt aber nicht, Fahrläs-
sigkeit oder Übertretungen zu akzeptieren oder Fehler als ir-
relevant zu erachten. Es impliziert lediglich eine bestimmte
Weisheit, zu akzeptieren, dass Fehler menschlich sind und
zum Leben gehören. Ein Grund, warum Fehler oft bestraft wer-
den liegt im sogenannten „Rückschaufehler“ (hindsight bias) –
also der menschlichen Tendenz, bei Eintreten eines Ereignisses
die Vorhersagekraft von Informationen über dieses Ereignis
rückwirkend zu überschätzen. Man überschätzt also im Nach-
hinein die Vorhersagekraft einer Situation. Auf Fehler bezogen
bedeutet dies, dass Menschen häufig das Gefühl haben, dass
das Auftreten des Fehlers doch von vorneherein erkennbar
gewesen wäre. Reaktionen wie „da hättest du einfach mal auf-
passen sollen“ oder „ich habe doch immer schon gesagt, dass
man vorsichtig sein soll“ sind eine typische Reaktion darauf.
Diesen Denk-„fehler“ zu beseitigen, ist ein Teil einer sinnvollen
Fehlermanagementkultur.
PERSONALquarterly:
Wie kann man denn eine gute Fehlermanage-
mentkultur entwickeln?
Michael Frese:
Der Kern besteht darin, dass Unternehmen ei-
ne Kultur entwickeln müssen, die es erlaubt, Fehler sinnvoll
zu managen. Ein Problem in der Praxis ist, dass Fehler und
Fehlerkonsequenzen nicht differenziert werden. Ein Fehler ist
zunächst darüber definiert, dass eine Handlung nicht zum ge-
wünschten Ziel führt.
Nun können Fehler sowohl positive als auch negative Kon-
sequenzen zur Folge haben. In vielen Situationen gibt es die
positive Konsequenz, dass ich etwas für die Zukunft lernen
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