wirtschaft und weiterbildung 10/2017 - page 3

editorial
wirtschaft + weiterbildung
10_2017
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Die Arbeit an unserer Titelgeschichte hat mich mit dem Begriff
„Achtsamkeit“ versöhnt. Früher als Jugendlicher war damit die
Erfahrung verbunden, dass mich ständig jemand zwingen wollte,
darauf zu achten, beim Mopedfahren einen Helm auf dem Kopf zu
tragen. Meine Eltern redeten in diesem Zusammenhang paradoxerweise
nicht besonders „achtsam“ mit mir.
Mein Eindruck war: Erwachsene ermahnen lieber andere zur
Achtsamkeit, als darüber nachzudenken, was sie selbst tun könnten, um
Unfälle mit Zweiradfahrern zu verhindern. Noch heute herrscht in vielen
Unternehmen die Meinung vor, dass es reiche, wenn das Individuum
regelmäßig ermahnt werde, sich zusammenzureißen und achtsam zu
sein. Da werden dann emotionale Poster aufgehängt, die die individuelle
Achtsamkeit erhöhen sollen.
Doch die Achtsamkeit, die ein Unternehmen braucht, um sich
anbahnende Unfälle oder heraufziehende Krisen zu verhindern, hat
nicht nur etwas damit zu tun, dass „zwischen den Ohren“ der einzelnen
Mitarbeiter eine wache Wahrnehmung herrschen sollte. Achtsamkeit, die
eine Organisation stabil macht, entsteht erst dann, wenn man
miteinander darüber redet, wo man welche „seltsamen“ Abweichungen
oder Krisensignale beobachtet hat und sich gegenseitig unterstützt,
brenzlige Situationen geistesgegenwärtig einzuschätzen.
Der britische Philosoph Bertrand Russell sagte einmal: „Über
Achtsamkeit kann man nicht reden, aber vielleicht kann man sie
tanzen.“ Er hatte Unrecht. Achtsamkeit entsteht „zwischen den Köpfen“
der Mitarbeiter. Sie ist das Resultat einer Diskussion, in der individuelle
Sinneseindrücke intelligent verknüpft werden. Die versöhnliche
Botschaft unseres Titels: Achtsamkeit hat nichts mit misstrauischer
Kontrolle und viel mit respektvollen Briefings oder Stand-Up Meetings zu
tun.
„Zwischen den Ohren“ achtsam zu
sein, reicht nicht aus
Viele Inspirationen mit
unserem neuen Heft
wünscht
Martin Pichler, Chefredakteur
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