wirtschaft und weiterbildung 4/2015 - page 64

grundls grundgesetz
Boris Grundl
64
wirtschaft + weiterbildung
04_2015
„Das musst Du proaktiv anpacken!“ Bestimmt
haben Sie diese Trainingsparole schon mal gehört.
Stimmt das so, oder ist hier mal wieder eine Mode-
welle am Werk? Es lohnt sich ein Blick in die Tiefe.
Wieder führt uns vorschnelles Bewerten in eine
Sackgasse. Cato der Ältere meinte: „Beherrsche
die Sache, dann folgen die Worte.“ So wie das
Reden nicht vor dem tieferen Verstehen, so sollte
das Handeln meistens nicht vor dem Denken kom-
men. Proaktiv und reaktiv sind nicht aus Prinzip gut
oder schlecht. Sie sind neutral. Proaktives Handeln
bedeutet gesunde Initiative, aber auch das Risiko,
vorschnell und oberflächlich zu sein. Reaktives
Handeln bedeutet, Dinge begründet zu tun, birgt
aber die Gefahr des unnötigen Zögerns.
Es ist völlig in Ordnung, wenn Sie der reflektierte
oder bedächtige Typ sind. Wichtig ist, dass Sie
zupacken können, wenn Sie einen Gedanken
durchdacht haben und dass Sie wissen, wann
Sie zuerst zupacken und wann Sie zuerst denken
sollten. Denn Proaktivität ist nicht immer der beste
Weg, ein Problem an der Wurzel abzustellen. Viele
Herausforderungen und Gefahren können nur
durch eingehendes Nachdenken und begründetes
Handeln gemeistert werden. Das erkennen Sie,
wenn ähnliche Widerstände immer wieder auftau-
chen. Proaktiv können Sie einen Brand schnell
löschen. Die Brandursache aber bleibt und kann
ein neues Feuer entfachen. Auch werden Sie keine
lange Analyse anstellen, wenn jemand aus Ihrer
Seilschaft beim Bergsteigen ausrutscht. Droht
jemand abzustürzen, ist Proaktivität ein Gesetz.
Dass Gewinner immer proaktiv zupacken, während
nur grübelnde Loser reaktiv und tatenlos herumsit-
zen, ist jedoch ein Ammenmärchen. Wie so oft im
Leben kommt es auch in diesem Fall auf Ihre Diffe-
renzierungsfähigkeit an. Und auf Ihren Differenzie-
rungswillen. Denn keine mentale Haltung ist gene-
rell besser oder schlechter. Je nach Situation und
Kontext empfiehlt sich das eine oder das andere.
Wenn wir die letzten beiden deutschen Bundes-
kanzler betrachten, sehen wir die verschiedenen
Typen. Gerhard Schröder wirkte energiegeladen
und tatkräftig, hat oft schon Tatsachen geschaffen,
bevor die Umstände reif waren. Er wollte nicht auf
den passenden Zeitpunkt warten. „Basta!“. Er hat
darauf vertraut, dass sich die Umstände nach sei-
nen Entscheidungen formen. Mal behielt er Recht,
mal nicht. Dieser Führungstyp gefällt vielen. So
ein Machertyp gibt durch seine Entschlossenheit
Sicherheit und Orientierung.
Angela Merkel hingegen schätzt es, ihre Entschei-
dungen den Umständen anzupassen. Sie handelt,
wenn die Zeit gekommen ist – nach reiflichem
Nachdenken. Optisch lässt sie das zögerlich
erscheinen, aber am Ende wundert man sich regel-
mäßig über ihre Erfolge und ihren großen
Einfluss in der Welt. Sie tritt langsam,
bedächtig und leise auf und wurde lange
unterschätzt. Inzwischen ist jedem klar,
dass das ein Fehler ist.
Es kommt also aufs Timing an. Seien
Sie proaktiv, wo Reflexion keinen Sinn ergibt und
schärfen Sie zuerst Ihre geistige Säge, wo es ange-
bracht ist. Wenn Sie aber nachgedacht und eine
Entscheidung getroffen haben, handeln Sie so ent-
schlossen, dass Ihre Konsequenz sogar Sie selbst
erschreckt. Das zeichnet Gewinner aus: Sie folgen
keinen Modewellen, die zur Bespaßung gelangweil-
ter Manager erfunden wurden.
Paragraf 34
Erst denken,
dann handeln
Boris Grundl ist Managementtrainer und Inhaber der Grundl Leadership Akademie, die Unternehmen befähigt, ihrer Führungsverantwortung gerecht zu werden.
Grundl gilt bei Managern und Medien als „der Menschenentwickler“ (Süddeutsche Zeitung). Sein neues Buch heißt: „Mach mich glücklich. Wie Sie das bekommen,
was jeder haben will“ (Econ Verlag 2014, 246 Seiten, 18 Euro). Boris Grundl beweist, wie leicht und schnell das Verschieben von Verantwortung in eine
zerstörerische Sackgasse führt und die persönliche Weiterentwicklung und damit Glück verhindert.
Folgen Sie keinen Modewellen,
die zur Bespaßung gelangweilter
Manager erfunden wurden!
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