39 · Immobilienwirtschaft · 01 / 2026 Herr Stillmann, welche Bedeutung hat Berlin in der Gesamtstrategie von Ten Brinke? Als bauender Entwickler sind wir in ganz Deutschland, den Niederlanden, Spanien, Portugal, Griechenland und neuerdings auch in Schweden aktiv. Als größte deutsche Stadt ist Berlin logischerweise gerade im Hinblick auf den Wohnungsbau ein wichtiger Markt für uns. Aber wir achten darauf, dass unsere Projekte regional diversifiziert sind. Denn gerade in Berlin gibt es spezielle Bedingungen für Investoren. Häufig stellen sie keine Erleichterung dar. Was sind denn aus Ihrer Sicht die Berliner Spezifika? Es gibt einen immensen Wohnraumbedarf und einen spürbaren politischen Willen zum Neubau sowie eine solide Förderkulisse. Dennoch kommen viele Projekte nur schleppend voran oder werden verzögert. Es gibt sehr gut organisierte Anwohnerinitiativen, die Neubauten in der direkten Nachbarschaft prinzipiell ablehnen. Eine weitere Besonderheit Berlins sind die verschränkten Zuständigkeiten zwischen Senat und Bezirken, die ja immer wieder Gegenstand von Kritik und Reformdebatten sind. Ich würde mir insgesamt mehr Kooperationsbereitschaft und Gestaltungswillen auf allen Ebenen wünschen. Zu häufig gibt sich die Politik den Protesten aus der Nachbarschaft geschlagen. So kann kein neuer Wohnraum entstehen. Das bedeutet, dass die regulatorischen Erleichterungen wie der „Bau-Turbo“ oder das „Schneller-Bauen-Gesetz“ keine Wirkung zeigen? Über die Wirkung lässt sich noch nichts sagen, das neue Bundesgesetz wurde ja erst im vergangenen Oktober beschlossen. Der Senat hat den politischen Willen zu mehr Wohnungsbau deutlich erklärt und er ist auch in den meisten Bezirksämtern spürbar. Zudem hat der Senat mit dem Handlungsleitfaden für die Umsetzung der neuen Rechtslage den Bezirken, Projektentwicklern und Investoren ein nützliches Hilfsmittel an die Hand gegeben. Der „Bau-Turbo“ schafft jedoch lediglich die rechtlichen Möglichkeiten für die Verwaltungen. Sie müssen die neuen Möglichkeiten noch anwenden wollen. Das „Schneller-BauenGesetz“ dient aus meiner Sicht als letzte Instanz und Motivationshilfe für die Bezirke. Es ist schwer vorstellbar und sicher auch nicht leistbar, dass der Senat jedes Bauvorhaben, das auf Bezirksebene stockt, an sich zieht. Welche effektiven Erleichterungen schlagen Sie vor? Wir unterstützen die Forderungen nach einer Abschaffung des Baunutzungsplans für Westberlin. Diese Bestimmung aus dem Jahre 1960 ist weiterhin geltendes Planungsrecht. Entwickler müssen somit bei Lückenbebauungen oder Nachverdichtungen Befreiungen beantragen, um Wohnungsbau auf Flächen zu realisieren, obwohl diese sich nach heutigem Verständnis in die Umgebungsbebauung einfügen. Eine Abschaffung dieses historischen Relikts halten wir für sehr sinnvoll. Sie kooperieren in vielen Fällen mit den städtischen Wohnungsbaugesellschaften, denen das Gros des Wohnungsbaus übertragen werden soll. Funktioniert diese Zusammenarbeit? Ja, absolut. Die kommunalen Wohnungsbaugesellschaften erfüllen ihre Aufgabe in einer schwierigen Marktsituation sehr gut. Wir arbeiten sehr gerne mit den städtischen Unternehmen zusammen. Es ergibt sich hierbei auf beiden Seiten ein großer Vorteil: Die Wohnungsbaugesellschaften erwerben ein schlüsselfertiges Produkt nach ihren Standards und wir können sicher kalkulieren. Wo werden zukünftige Projekte von Ihnen entstehen? Am liebsten würde ich innerhalb des S-Bahn-Rings bauen, aber das Angebot dort ist entweder zu knapp oder zu teuer. Insofern richtet sich unser Blick neben den äußeren Bezirken wie Spandau oder MarzahnHellersdorf auf die Umlandgemeinden. Hierzu zähle ich Ludwigsfelde, Oranienburg, Stausberg oder Königs Wusterhausen. Es müssen Mietmärkte sein, die im Neubau über 16 Euro vertragen können – sonst können die Investitionskosten nicht refinanziert werden. Das Brandenburger Umland ist für institutionelle Investoren zwar immer noch erklärungsbedürftig. Wir jedoch sehen bei den Umlandgemeinden ein sehr gutes Chancen-Risiko-Profil. LARS STILLMANN leitet die Berliner Niederlassung des niederländischen Projektentwicklers und Baudienstleisters Ten Brinke „DIE ABSCHAFFUNG DES BAUNUTZUNGSPLANS“ TEN BRINKE realisiert derzeit Projekte im Umfang von rund 1.200 Wohnungen. Für mehrere kommunale Gesellschaften entwickelt und baut das Unternehmen zudem verteilt über das gesamte Berliner Stadtgebiet. I N T E R V I E W LARS STILLMANN TEXT Dr. Ulrich Nagel
RkJQdWJsaXNoZXIy Mjc4MQ==