69 · Immobilienwirtschaft · 01 / 2026 Im real existierenden Kapitalismus können die deutschen Unternehmer endlich ihre viel beklagte heimatliche Bürokratie, Regulierungen, Kündigungsschutz, Gewerkschaften und Bauauflagen hinter sich lassen. Und trotzdem – das Paradies sieht anders aus. Europäische Kollegen, wie die von MVRDV, sind in den USA, aus Angst vor existenzbedrohenden Rechtsstreitigkeiten, nicht als verantwortliche Architekten angetreten, sondern nur als „beratende Designer“. SOM, das amerikanische Platzhirsch-Architekturbüro, blickt dagegen breitbeinig aus dem 55. Stock auf die Skyline von Manhattan, immer auf der Suche nach dem nächsten Auftrag. Der Park auf der ehemaligen Hochbahn Highline mit den schönen Neubauten oder der Wiederaufbau von Ground Zero sind auch durch Zusammenarbeit mit europäischen Kollegen so gelungen. In Manhattan stehen Gebäude von Richard Rogers, Norman Foster, Renzo Piano, BIG, Calatrava und Snøhetta. Doch die New Yorker haben heute andere Themen als repräsentative Museen und Unternehmenszentralen. Der neu gewählte Bürgermeister, Zohran Mamdani, spricht im Weißen Haus über die Schwierigkeiten der New Yorker. Immer mehr Menschen können sich das Leben in der Stadt nicht leisten. Ich habe kluge und furchtlose Gesprächspartner getroffen, die mehrere Jobs brauchen, um ihre winzigen, runtergerockten Apartments halten zu können. Sie hoffen auf risikobereite Kapitalgeber, Aufstieg oder einfach ein besseres Leben irgendwann. Mich hat ihr Wille und ihre Widerstandskraft beeindruckt. Das Leben in NYC ist nichts für Weicheier. Trotz größter wirtschaftlicher Freiheit, geringer Regulierung, „blitzschneller Baugenehmigungen“ und lauter tougher Menschen ist auch hier der Immobilienmarkt in der Krise. Über Jahrzehnte konnten die Bürotürme nicht steil genug in den Himmel wachsen. Heute stehen viele von ihnen leer. Immer weniger Angestellte wollen sich morgens und abends durch den Berufsverkehr quälen, um in den dunklen Dreckschleudern ihren Tag zu verbringen. Und KI kommt erst noch. Diese Stranded Assets will heute niemand mehr finanzieren oder, noch schlimmer, besitzen. Der Umbau zu Wohnungen scheint eine gute Lösung zu sein, kommt aber nur schleppend voran. Denn auch in den USA sind das komplexe Vorhaben, die detaillierte Beschäftigung und technisches Know-how erfordern. Interessante Aufgaben, finde ich. Auch für Deutsche, denn die haben bereits mit dem energieeffizienten Umbau von Bestandsimmobilien Erfahrung. Trotz erheblicher Divergenzen zwischen den USA und Europa erscheint mir immer noch die intensive Zusammenarbeit eine gute Option. Deutsche Firmen können hier Flexibilität und Geschwindigkeit trainieren. Das wird in den USA mindestens genauso geschätzt wie ingenieurtechnische Präzision und funktionstüchtige Produkte. In New York zeigt sich, dass leerstehende, veraltete Büroimmobilien und fehlender bezahlbarer Wohnraum in den Ballungsräumen weltweite Phänomene sind, die massive gesellschaftliche Probleme hervorrufen. Und ohne mutiges politisches Handeln nicht wieder verschwinden. „ÜBER JAHRZEHNTE KONNTEN BÜROTÜRME NICHT STEIL GENUG IN DEN HIMMEL WACHSEN. HEUTE STEHEN VIELE LEER. IMMER WENIGER ANGESTELLTE WOLLEN SICH DURCH DEN BERUFSVERKEHR QUÄLEN, UM IN DEN DUNKLEN DRECKSCHLEUDERN IHREN TAG ZU VERBRINGEN.“ EIKE BECKER leitet seit 1999 zusammen mit Helge Schmidt das Büro Eike Becker_ Architekten in Berlin. Internationale Projekte und Preise be- stätigen seitdem den Rang unter den erfolgreichen Architekturbüros in Europa.
RkJQdWJsaXNoZXIy Mjc4MQ==