50 · Immobilienwirtschaft · 03 / 2026 Menschen & Märkte Betriebliches Gesundheitsmanagement private Risiken, Jobrad-Leasing sowie ein breites internes Weiterbildungsangebot zu Resilienz, Ergonomie, Ernährung, Pflege und Konfliktmanagement verbinden Prävention, soziale Verantwortung und persönliche Entwicklung. BLICK ÜBER DEN TELLERRAND Japan hat mit Karoshi sogar einen eigenen Begriff für Tod durch Überarbeitung, ein extremes Sinnbild für chronische Erschöpfung, Stress und gesundheitliche Überlastung. Gleichzeitig leben nirgendwo auf der Welt Menschen so lange wie auf der japanischen Insel Okinawa: Über 900 der rund 1,3 Millionen Einwohner sind 100 Jahre und älter. Dieser scheinbare Widerspruch offenbart einen blinden Fleck in westlichen BGMDebatten: Entscheidend ist nicht die Menge einzelner Maßnahmen, sondern die kulturelle Logik, in der Arbeit, Gesundheit und Sinn zusammenkommen. Auf Okinawa prägen maßvolle Ernährung (hara hachi bu), starker sozialer Zusammenhalt, Wertschätzung älterer Menschen und ein klares Lebensziel (Ikigai) den Alltag. Übertragen auf Unternehmen heißt das: Nachhaltige Gesundheitswirkung entsteht dort, wo Führung Sinn vermittelt, soziale Bindung stärkt und kontinuierliche Verbesserung als Alltagshaltung lebt, nicht als Projekt. Genau dieser kulturelle Hebel wird im betrieblichen Gesundheitsmanagement bislang oft unterschätzt. In Schweden gehört das Glück nicht nur zur Privatsache, sondern ist Teil der Arbeitskultur. Ein unterschätzter Erfolgsfaktor ist die Fika, die feste Kaffeepause im Arbeitsalltag. Sie steht nicht für Koffein, sondern für bewusste Unterbrechung, soziale Begegnung und Abstand vom Leistungsdruck. Regelmäßige Pausen sind selbstverständlich, stärken den Zusammenhalt und wirken präventiv gegen Stress. Nicht immer sind es zusätzliche Angebote, die den Unterschied machen, sondern gemeinsam akzeptierte Routinen, die Erholung, Austausch und Wertschätzung systematisch im Arbeitsalltag verankern. STEIGENDE KRANKENSTÄNDE ALS BETRIEBSWIRTSCHAFTLICHER FAKTOR Die Krankenquote in deutschen Unternehmen steigt seit Covid. Was als temporäres Phänomen betrachtet wurde, entwickelt sich zunehmend zu einer strukturellen Herausforderung – auch und gerade für die Wohnungswirtschaft. Fachkräftemangel, demografischer Wandel und steigende Arbeitsbelastung verstärken die Auswirkungen krankheitsbedingter Ausfälle spürbar. Durchschnittlich 22 Tage im Jahr fehlten die Deutschen krankheitsbedingt bei der Arbeit, so eine Datenauswertung der Betriebskrankenkassen (BKK). Laut der Analyse lagen die Fehlzeiten durch Krankheit zwischen 2016 und 2021 relativ stabil bei 18 Tagen im bundesweiten Durchschnitt. Zwischen 2021 und 2024 gab es dann einen Anstieg der Krankentage um vier Tage. In Baden-Württemberg lag der Schnitt bei 18,5 Tagen, im Saarland bei 28 Tagen. GESUNDHEITLICHE BELASTUNGEN Gesundheitliche Belastungen in der Arbeitswelt nehmen zu und verändern sich strukturell: • Psychische Erkrankungen zählen weiterhin zu den wichtigsten Ursachen für lange Fehlzeiten. • Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems gehören zu den häufigsten Gründen für Arbeitsunfähigkeit, insbesondere in körperlich geprägten Tätigkeiten. • Atemwegserkrankungen verursachen regelmäßig saisonale Spitzen bei den Fehlzeiten und bleiben ein wesentlicher Treiber kurzfristiger Arbeitsausfälle. • Die durchschnittliche Dauer von Arbeitsunfähigkeitsfällen ist in den vergangenen Jahren gestiegen – ein Hinweis auf komplexere Krankheitsverläufe und wachsende Belastungen. • Arbeitsverdichtung, Zeitdruck und emotionale Anforderungen wirken sich zunehmend auf die psychische Gesundheit aus. • Beschäftigte berichten vermehrt über externe Belastungsfaktoren wie Hitze oder extreme Wetterlagen, die sich negativ auf Konzentration und Leistungsfähigkeit auswirken. • Außendienst- und handwerkliche Tätigkeiten sind von klimatischen und physischen Belastungen stärker betroffen als reine Bürotätigkeiten. • Der Report verdeutlicht eine Diskrepanz zwischen wahrgenommenen Belastungen der Beschäftigten und der Einschätzung vieler Arbeitgeber und unterstreicht insgesamt die zentrale Rolle systematischer Prävention und langfristig angelegter Gesundheitsstrategien in Unternehmen. Quelle: Techniker Krankenkasse, Gesundheitsreport Arbeitsunfähigkeit 2025 FAZIT Die Immobilienwirtschaft ist mehr als ein Wirtschaftszweig. Sie ist eine Schlüsselbranche und trägt Verantwortung für soziale Stabilität und Lebensqualität. Wer täglich Gebäude für Millionen Menschen baut, instand hält und verwaltet, prägt eine Gesellschaft. ESG glaubwürdig umzusetzen heißt deshalb, diese Verantwortung auch im eigenen Unternehmen ernst zu nehmen. Betriebliches Gesundheitsmanagement ist daher keine nice-to-have Zusatzleistung, sondern gelebte soziale Nachhaltigkeit. „PRÄVENTION SOLL SICH NAHTLOS IN DEN ARBEITSALLTAG INTEGRIEREN LASSEN – GETRAGEN VON GESCHÄFTSFÜHRUNG UND BETRIEBSPARTNERN.“ Ricarda Schwingen, Gesundheitsbeauftragte Nassauische Heimstätte/Wohnstadt
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