Seite 14 - DIE_WOHNUNGSWIRTSCHAFT_2015_01

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STÄDTEBAU UND STADTENTWICKLUNG
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torisierenden Fassaden oder in moderner Gestalt
errichten? Auch bei der Bebauung des Neumarkts
in Dresden und des Alten Markts in Potsdam so-
wie bei der Rekonstruktion des Welfenschlosses
in Braunschweig und des Hohenzollernschlosses
in Berlin wurde und wird leidenschaftlich über
diese Fragen gestritten.
Lange Vorgeschichte
Entsprechend lang war in Frankfurt der Weg bis
zum jetzt feststehenden städtebaulichen und
architektonischen Konzept. Ausgangspunkt war
die Unzufriedenheit mit dem von 1972 bis 1974
errichteten Technischen Rathaus, das mit seiner
monumentalen Gestalt das Areal unweit der Pauls-
kirche zwischen dem Römerberg, dem Dom, der
Braubachstraße und der Schirn Kunsthalle besetz-
te – und damit ausgerechnet das Grundstück, das
als Keimzelle Frankfurts gilt. Hier verlief nämlich
der Krönungsweg, den die deutschen Könige über
Jahrhunderte hinweg vor ihrer Krönung zurück-
zulegen pflegten.
Als die Stadt 2007 das zuvor im Eigentum einer
Leasinggesellschaft befindliche Technische Rat-
haus zurückkaufte, existierte bereits ein städ-
tebaulicher Entwurf für eine Neugestaltung des
7.000 m
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großen Grundstücks. Das Architektur-
büro KSP Engel und Zimmermann sah eine die
ursprüngliche Parzellenstruktur weitgehend ig-
norierende Bebauung vor. In einem langwierigen
Verfahren entwickelte sich daraus ein Konzept
mit 35 Gebäuden auf historischem Stadtgrund-
riss. Hinzu kommt das Stadthaus, ein Veranstal-
tungszentrum über den Ausgrabungsfunden des
Archäologischen Gartens.
Ein Viertel für 200 Menschen
Das neue Viertel wird hauptsächlich ein Wohn-
quartier sein. Nach Angaben der mit der Ent-
wicklung beauftragten städtischen DomRömer
GmbH entstehen rund 80 Wohneinheiten für
voraussichtlich etwa 200 Menschen. Hinzu
kommen Läden und Gaststätten im Erdgeschoss
und im ersten Obergeschoss. Umstrittener als
dieses Nutzungskonzept war die Frage, wie viele
Gebäude äußerlich originalgetreu wieder aufge-
baut werden sollten. Neben acht Häusern, bei
denen das schon früh feststand, legten die Ver-
antwortlichen sieben weitere Objekte fest, bei
denen sie dies davon abhängig machten, ob sich
Investoren finden würden. So kam es letztlich
zu 15 „schöpferischen Nachbauten“ – eine Zahl,
die manche noch immer für zu niedrig halten:
Der Verein Pro Altstadt sammelte Unterschriften
für ein Bürgerbegehren, um zumindest entlang
des Krönungswegs ein ausschließlich historisches
Fassadenbild zu schaffen.
Zu den Käufern der „schöpferischen Nachbauten“
zählen laut Patrik Brummermann, Projektma-
nager der DomRömer GmbH, Stiftungen sowie
Privatleute, die mit dem jeweiligen Gebäude fa-
miliär verbunden sind. Und auch die Interessen-
ten für die 54 Wohnungen in den 20 modernen
Neubauten hätten „alle irgendeinen Bezug zu
Frankfurt“.
Bei der Vermarktung beschreitet die städtische
Gesellschaft einen ungewöhnlichen Weg: Die
Einheiten werden nicht meistbietend veräußert,
sondern – sofern es für eine Wohnung mehrere
Interessenten gibt – zum Festpreis verlost. Bis
zum Bewerbungsschluss hatten 230 potenziel-
le Käufer ihr Interesse an einer der Wohnungen
angemeldet. Diese sind zwischen 35 und 190 m
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groß und kosten zwischen 4.800 und 7.200 €/m
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inklusive Erbbauzins, der auf den Kaufpreis umge-
legt wird. Dabei wird laut einem2007 verabschie-
deten Nutzungskonzept der Stadt angestrebt,
„dass der überwiegende Teil der Wohnungen von
den Erbbaurechtsnehmern selber genutzt wird, um
die Identifikation mit dem Quartier zu erhöhen“.
Vertraglich festlegen könne man diese Selbst-
nutzung allerdings nicht, sagt Brummermann.
Das Stadthaus am Markt bildet den südlichen
Abschluss des neuen Viertels. Es wird den Bürgern
künftig als Veranstaltungs- und Begegnungsort dienen
Nach Ansicht einiger Akteure hätten die Gebäude
des historischen Krönungswegs originalgetreu
rekonstruiert werden sollen
Das in den 1970er Jahren errichtete Technische Rathaus sprengte mit seiner monumentalen Gestalt das Umfeld.
Nach seinem Abriss wurde unter dem Areal ein riesiges Parkhaus gebaut - und darauf die neue alte Stadt