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1|2015
Keine Mietwohnungen
Dass nur Eigentums- und keine Mietwohnungen
entstehen, begründet Brummermann damit,
dass der Verkauf der Wohnungen einen wichti-
gen Baustein der Finanzierung darstelle. Nach den
Berechnungen der städtischen Projektgesellschaft
soll die Vermarktung der Flächen einen Erlös von
knapp 70Mio. € bringen. Dem stehen Gesamtkos-
ten von voraussichtlich rund 170 Mio. € gegen-
über, so dass sich die öffentliche Hand ihre neue
Altstadt etwa 100 Mio. € kosten lässt.
Nicht in jedem Punkt soll diese übrigens an
die Vergangenheit anknüpfen. „In den letzten
Jahrzehnten ihres Bestehens“, erzählt Brum-
mermann, „war die Frankfurter Altstadt ein
Elendsviertel.“ Diese Gefahr droht angesichts der
jetzt aufgerufenen Wohnungspreise wohl kaum.
Doch wird es auch gelingen, ein lebendiges, ge-
mischt genutztes Quartier zu etablieren? „Ja“,
meint Brummermann. „Es soll ein ganz normales
Stück von Frankfurt sein.“ Zwar werde die neue
Altstadt sicher Touristen anlocken und zum Er-
leben der Geschichte einladen, aber kein Muse-
umsdorf sein.
Weitere Informationen:
Neubau und Sanierung
Energie und Technik
Rechtssprechung
Haufe Gruppe
Markt und Management
Stadtbau und Stadtentwicklung
Wie beurteilen Sie die Rekonstruktion der
Altstadt von Frankfurt amMain?
Ich habemich von Anfang an dagegen ausgespro-
chen, den Gestaltungsbeirat für das Dom-Römer-
Areal „Altstadtbeirat“ zu nennen. Denn es wird ja
keine Altstadt gebaut. Was wir planen, ist vielmehr
ein neues innerstädtisches Viertel, das den Stadt-
grundriss, die Körnigkeit und die Maßstäblichkeit
der früheren Bebauung aufnimmt. Denn Stadt ist
immer geprägt durch eine bestimmte Typologie
von Häusern und Räumen.
Das ändert aber nichts daran, dass das neue
Viertel in Teilen wie die Altstadt aussehen
wird.
Ursprünglich war geplant, nur fünf Gebäude zu
rekonstruieren, nämlich die Leitbauten, die beson-
ders gut dokumentiert sind. An diesen Leitbauten
sollten die anderen, aus Architektenwettbewer-
ben hervorgegangenen Neubauten in zeitgemäßen
Entwürfen Maß nehmen. Diesen Ansatz fand ich
gut. Dann aber beschloss man, dass Rekonstruk-
tionswünsche Vorrang vor Neuplanung haben
sollten. Wo sich also Investoren fanden, die ein
Haus rekonstruierenwollten, wird das getan. Und
es zeigte sich, dass sich viele Interessenten tat-
sächlich eine Rekonstruktion wünschen.
Woher kommt diese Sehnsucht nach der
alten Architektur?
Wir alle haben Erfahrungenmit der Stadtplanung
der Nachkriegszeit gemacht. Viele Ergebnisse
dieser Planung kommen bei Weitem nicht an die
räumliche und architektonische Anmutung des
18. und 19. Jahrhunderts heran. Ob beim Maß
der baulichen Nutzung oder bei den Abstands-
flächen – irgend etwas ist passiert, dass man sich
in diesen Räumen nicht wohl fühlt und sie nicht
als so stimmig empfindet wie Räume und Häuser,
die zu einer anderen Zeit entstanden sind. Laien
reagieren hier gesünder als Stadtplaner und Ar-
chitekten. Diesen Blick sollte man ernst nehmen,
was aber bei Weitem nicht heißen soll, nur histo-
rische Fassaden wiederaufzubauen.
Wie kann man diese Raumqualität wieder
gewinnen?
Ganz wichtig ist die parzellenweise Bebauung.
Die Parzelle, also das einzelne, identifizierbare
Haus, gehört zur DNA einer innerstädtischen Be-
bauung. Nehmen wir zum Beispiel die ehemalige
Berliner Altstadt zwischen Humboldtforum und
Alexanderplatz: Dieser Stadtraum sieht heute
insgesamt aus wie nach einem großen Unfall. Er
erschließt sich emotional nicht. Da stellt sich die
Frage, ob man nicht mehr Aufenthaltsqualität für
uns Stadtbürger schaffen könnte, indemman an
frühere Raumqualitäten anknüpft. Das heißt aber
nicht, alles Vorhandene abzureißen!
Wird es beim Dom-Römer-Projekt gelingen,
wieder eine solche Qualität zu erreichen?
Ich hoffe, dass es gelingenwird, ein gutes, belast-
bares Stück Innenstadt zu bauen. Das neue Viertel
darf kein Freizeitpark werden, sondern soll sich
mit der gewachsenen städtischen Struktur sehr
gut vernetzen.
Ichwünschemir, dass nicht jedes Haus ein kaprizi-
öses Rennpferd seinwill, sondern dass es in großer
Entspanntheit ein unaufgeregtes, gut gestaltetes
Haus sein darf.
Bräuchte es neben teuren Eigentumswoh-
nungen nicht auch günstige Wohnungen?
Zur Stadt gehören diejenigen, die viel Geld haben,
und diejenigen, die wenig Geld haben. Ja, das Ziel
sollte die sozial gemischte Stadt sein.
Frau Kahlfeldt,
vielen Dank für das Gespräch.
Die Fragen stellte Christian Hunziker.
Interview mit Petra Kahlfeldt
„Mehr Aufenthaltsqualität für uns Stadtbürger“
Was steckt hinter der weit verbreiteten Sehnsucht nach einer historisierenden
Architektur? Eine Antwort darauf gibt die renommierte Berliner Architektin
Petra Kahlfeldt, Mitglied des Gestaltungsbeirats für das Dom-Römer-Areal.
Sie wirkt außerdem als Professorin an der Beuth Hochschule Berlin und ist
Mitglied der Gestaltungskommission zum Bau des Humboldtforums Berlin
(Berliner Schloss).
Quelle: Kahlfeldt Architekten