Seite 12 - DIE_WOHNUNGSWIRTSCHAFT_2015_01

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STÄDTEBAU UND STADTENTWICKLUNG
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renoviert und Leitungen sowie Heizungen erneu-
ert. Während der Bauarbeiten bekam Marx viele
Hass-Mails und sogar Morddrohungen – zumeinen
von Nachbarn, die nicht verstanden, warum für
die Roma so viel investiert wird und schlicht nei-
disch waren. Zum anderen von jenen, die an der
prekären Situation der Roma gut verdient hatten,
etwa indem sie über 1.000 € für einen Kindergeld-
antrag kassierten. Die Polizei zeigte dann verstärkt
Präsenz vor Ort und es gab Dialogrunden mit den
Nachbarn.
… heute: exemplarische Integration
Die Aachener SWGwill das Projekt nicht als Roma-
Haus verstandenwissen. Es soll nach und nach ein
ganz normales Mietshaus werden. Deshalb wer-
den seit der Sanierung freiwerdende Wohnungen
nicht mehr an Roma vermietet, damit will man
ein Ghetto verhindern. Inzwischen sind ein Viertel
der Wohnungen von Nicht-Roma bewohnt. Marx
sagt, er habe die freien Wohnungen inseriert und
viel Zuspruch bekommen, die Mieter hätten zum
Großteil einen akademischen Abschluss und sei-
en anders als die Mehrheit der Deutschen sehr
aufgeschlossen den Roma gegenüber. Und die in
der Harzer Straße lebenden Roma seien auch zum
Großteil Selbstzahler, nicht Transferleistungs-
empfänger. „Jeder, der seinen Lebensmittelpunkt
im Haus hatte, ist wohnen geblieben“, so Marx.
Kündigungsschreiben haben nur jeneMieter erhal-
ten, deren Lebensmittelpunkt nicht in der ange-
mietetenWohnung lag und die ihreWohnung dem
in Neukölln florierenden Zwischenmietmarkt für
osteuropäische Arbeitnehmer zugeführt hatten.
Wie viel Geld die Aachener SWG in das Projekt
steckte, dazu äußert sie sich nicht. Die Mieten
liegen wie vor der Sanierung zwischen 5,50 und
7,50 € je nach Ausstattung – nur dass sie jetzt dem
sanierten Zustand der Wohnungen angemessen
seien, was beimVoreigentümer nicht der Fall war.
Auch wenn Marx zu Renditeerwartungen nichts
sagen will, so sagt er doch, dass das Haus nicht
nur sozial, sondern auchwirtschaftlich betrachtet
werde.
Preisgekröntes Engagement
Jüngst besuchte Bundesbauministerin Barbara
Hendricks das Projekt. Am Ende ihres Rundgangs
sagte sie: „Mit ihremWohnungsunternehmen ha-
ben Sie vor Ort ein sichtbares Stück Stadtentwick-
lung betrieben, eine wohnungswirtschaftliche
Aufgabe hervorragend gemeistert – und dadurch
die Situation für Hunderte Armutsflüchtlinge
deutlich verbessert.“ Das Arnold-Fortuin-Haus
wurdemehrfach ausgezeichnet, so z. B. auch 2013
mit dem von dem Bauunternehmen Bilfinger SE
gestifteten Julius-Berger-Preis für Stadtent-
wicklung. Mit der beispielhaften Sanierung der
Mietshäuser an der Harzer Straße habe die Aache-
ner SWG großes unternehmerisches und soziales
Engagement bewiesen, so Jochen Keysberg, Vor-
standsmitglied von Bilfinger. Zudem war das Un-
ternehmen 2014 einer von zehn Preisträgern des
Preises Soziale Stadt 2014 (siehe DW 11/2014,
S. 12) – und das, obwohl keinerlei öffentliche
Gelder in Anspruch genommen wurden. Die Jury
sah in der starken Einbindung der betroffenen
Menschen einen Garant für Nachhaltigkeit und
war vor allemdeshalb von demProjekt überzeugt,
da „die Aufgabe der Integration mit der Instand-
haltung einer der Verwahrlosung unterliegenden
Immobilie“ verbunden wurde.
Die SWGhat derzeit keinweiteres Projektmit Roma
in Planung, aber sie sieht das Arnold-Fortuin-Haus
auch als Signal für andere Wohnungsunterneh-
men, ähnliche Projekte in Angriff zu nehmen. Und
BenjaminMarx hält es sich zugute, dass er öffent-
lich thematisierte, dass sog. Schrottimmobilien
auch mit Armutsflüchtlingen gefüllt werden. Das
Thema sei nun auch in der Politik angekommen
und das Programm Soziale Stadt erhalte wieder
mehr Geld, freut er sich.
Gartenmöbel aus recyceltem Plastik schmücken
den mit Wandmalereien verzierten Hof
Die Hauswand ziert das Portrait des Namensgebers Arnold Fortuin, ein Priester,
der sich während des Nationalsozialismus für Sinti und Roma einsetzte
Die Aachener Siedlungs- und Wohnungsge-
sellschaft mbH wurde 1949 unter Beteili-
gung der Erzbistümer Köln und Paderborn
sowie der Bistümer Aachen und Münster in
Aachen gegründet. 1950 wurde der Sitz nach
Köln verlegt. Sie hat rund 400 Mitarbeiter
und bewirtschaftet mit den ihr verbundenen
Unternehmen einen Wohnungsbestand von
rund 24.300 Wohnungen, in der Mehrzahl
Sozialwohnungen. Tätigkeitsschwerpunkte
sind Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz
und Berlin. Die SWG hat es sich zur
strategischen Aufgabe gemacht, ökonomi-
sche, ökologische und soziale Belange in
Einklang zu bringen.
SWG
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