Personalmagazin bAV Spezial 12/2026

35 Praxis aus allen drei Säulen in einem Online-Portal. Das Angebot richtet sich an die gesamte Erwerbsbevölkerung, wird bisher aber kaum genutzt. Nach Angaben der Deutschen Rentenversicherung hatten bis Ende 2025 etwa 4,8 Millionen Personen den öffentlichen Bereich der Website besucht und sich rund 320.000 registriert. Bezogen auf die 31,5 Millionen Versicherten im Alter zwischen 30 und 64 Jahren entspricht das ungefähr einem Prozent. Zum Vergleich: In Dänemark nutzt mehr als die Hälfte der Bevölkerung die bereits 1999 eingeführte Online-Plattform PensionsInfo.dk, die neben der reinen Informationsbereitstellung auch umfassende Simulationen bietet und damit zeigt, wie ein breiter gesellschaftlicher Zugang zu Vorsorgeinformationen gelingen kann. Die Alterssicherungskommission empfiehlt daher eine Weiterentwicklung der digitalen Rentenübersicht zu einem echten Informations- und Planungstool. Das ist richtig, aber nicht ausreichend. Denn das Problem liegt nicht primär im Angebot, sondern in der Fähigkeit der Nutzerinnen und Nutzer, die bereitgestellten Informationen einzuordnen und für langfristige Vorsorgeentscheidungen zu nutzen. Finanzbildung: Gut im Durchschnitt, mit kritischen Lücken Eine OECD-Bestandsaufnahme bescheinigt Deutschland insgesamt ein gutes Niveau an Finanzkompetenz. Finanzkompetenz umfasst Wissen, Fähigkeiten, Einstellungen und Verhaltensweisen, die es ermöglichen, finanzielle Informationen zu verstehen und für das eigene finanzielle Wohlergehen zu nutzen. Doch gerade in zentralen Vorsorgethemen und bei bestimmten Gruppen zeigen sich erhebliche Lücken. Junge Menschen weisen laut OECD erhebliche Defizite bei der Finanzkompetenz auf. Fehlendes Wissen über Zinseszinseffekte führt zu hohen Opportunitätskosten, die später kaum auszugleichen sind – besonders problematisch vor dem Hintergrund einer Reform, die auf kapitalmarktorientierte Vorsorge setzt. Bei Menschen mit geringer Bildung zeigt sich eine deutliche Korrelation mit geringer Finanzkompetenz. Da diese Gruppe tendenziell über geringe Einkommen verfügt, ist die Vermittlung von Finanzwissen ein zentrales Instrument zur Vermeidung von Altersarmut. Frauen erzielen im Durchschnitt geringere Werte im Finanzwissen als Männer und berichten über ein niedrigeres finanzielles Selbstvertrauen – kritisch, weil Frauen aufgrund von Erwerbsbiografien mit Teilzeitphasen häufiger von Versorgungslücken betroffen sind. Diese Gruppen sind damit genau diejenigen, die von den Reformmaßnahmen am stärksten betroffen sein werden und gleichzeitig am wenigsten darauf vorbereitet sind, die neuen Gestaltungsmöglichkeiten zu nutzen. Diese Lücken werden durch die Rentenreform nicht automatisch geschlossen. Im Gegenteil: Mit der Kapitalrente, der erwarteten Ausweitung der betrieblichen Altersversorgung und dem Wegfall der abschlagsfreien „Rente mit 63“ wächst der Bedarf an eigenverantwortlicher Planung weiter. Was Unternehmen jetzt tun können Die Reform erhöht nicht nur den Stellenwert der Finanzbildung, sondern auch deren Komplexität: Wer nicht versteht, welche Auswirkungen ein früherer Renteneintritt auf seine Gesamtversorgung hat, welche Rolle die bAV im Gesamtgefüge spielt oder wie sich Teilzeitphasen auf die Anwartschaften auswirken, trifft Entscheidungen mit weitreichenden Folgen. Für HR-Verantwortliche ergibt sich aus diesem Befund ein klarer Handlungsauftrag. Unternehmen sind als Arbeitgeber in einer Schlüsselposition: Sie erreichen Beschäftigte niedrigschwellig, kennen deren Lebens- und Arbeitssituation und können Informationsangebote zielgruppengerecht gestalten. Die ASK betont die Bedeutung betrieblicher Angebote ausdrücklich und der geplante Sozialpartnerdialog zur Ausweitung der bAV wird diese Rolle weiter stärken. Wer jetzt handelt, ist nicht nur regulatorisch vorbereitet, sondern positioniert sich als Arbeitgeber, der Verantwortung für die finanzielle Zukunft seiner Belegschaft übernimmt und Vertrauen aufbaut. Konkret geht es um vier Ansätze: erstens zielgruppengerechte, möglichst personalisierte Informationsangebote, etwa digitale Vorsorgeportale mit Simulationen, die Beschäftigten zeigen, was verschiedene Entscheidungen für ihre spätere Versorgung bedeuten. Zweitens niedrigschwellige Angebote im Betrieb, die Finanzthemen zugänglich machen. Drittens eine stärkere Nutzung von Technologie: KI-gestützte Tools können Personalisierung und Simulation für eine ganzheitliche Finanz- und Vorsorgeplanung unterstützen und damit auch finanzschwächere Gruppen erreichen, die bisher wenig Zugang zu qualifizierter Beratung haben. Viertens der Ausbau unabhängiger, provisionsfreier Beratungsangebote – auch über den Betrieb vermittelt. Die Einführung der Kapitalrente kann dabei einen positiven Nebeneffekt haben: Sie rückt Finanzthemen stärker in das öffentliche Bewusstsein und erhöht das Interesse an kapitalmarktorientierter Vorsorge – vorausgesetzt, Unternehmen und Politik begleiten diesen Wandel aktiv. Aktive Begeleitung stärkt das Arbeitgeberimage Die Rentenreform setzt auf mehr Eigenverantwortung. Das ist richtig, aber es reicht nicht, Informationen bereitzustellen. Transparente Informationen und ausreichende individuelle Finanzkompetenz müssen zusammenkommen. Nur so lässt sich das Risiko finanzieller Lücken im Alter und ihre sozialen Folgen begrenzen. Unternehmen, die ihre Beschäftigten dabei aktiv begleiten, leisten nicht nur einen Beitrag zur sozialen Absicherung, sie stärken auch ihre Attraktivität als Arbeitgeber in einem Markt, in dem Vorsorge-Benefits zunehmend als Differenzierungsmerkmal wahrgenommen werden. DR. CLAUDIO THUM, Managing Director Outsourcing, WTW PROF. DR. SILKE ÜBELMESSER, Professorin für Finanzwissenschaft, FriedrichSchiller-Universität Jena

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