Seite 38 - wirtschaft_und_weiterbildung_2015_02

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training und coaching
38
wirtschaft + weiterbildung
02_2015
schrieben. Die Transaktionsanalyse ord-
net dem Abwertungskomplex tangentiale
und blockierende Transaktionstypen zu.
Derer bedienen sich Menschen beson-
ders dann, wenn sie einer unangeneh-
men Konfrontation ausweichen wollen.
In tangentialen Reaktionen wird aus dem
eigentlichen Thema ein Aspekt herausge-
sucht, den man dann weiterverfolgt. Die
Tangente ist eigentlich ein Begriff aus der
Geometrie: Sie berührt den Kreis an sei-
nem Rand, hat also wenig Kontakt zum
eigentlichen Inhalt. Eine tangentiale Re-
aktion auf die an Martin gerichtete Frage
„Kannst du verstehen, warum Lisa eifer-
süchtig ist?“ wäre: „Sie ist immer eifer-
süchtig.“ Der Focus wird von der gefrag-
ten auf die in der Frage erwähnte Person
verschoben. Die Abwertung findet sich
in der Verminderung der Bedeutung von
konkreten Gefühlen und Reaktionen des
Gegenübers: „Wenn Lisa sowieso immer
eifersüchtig ist, dann hat das Ganze über-
haupt nichts zu bedeuten.“ Was real
wichtig ist, wird unwichtig gemacht.
Bei der blockierenden Transaktion wird
noch intensiver ausgewichen, indem die
Gesprächsgrundlage überhaupt infrage
gestellt wird.
Eine blockierende Antwort wäre zum
Beispiel: „Verständnis ist hier überhaupt
nicht angesagt.“ Die Frage selbst wird an-
gezweifelt. Das Gespräch wird geblockt.
Dem Gegenüber wird indirekt zu verste-
hen gegeben, dass es das Ganze falsch
versteht. Für die „Mediative Kommunika-
tion“ ist es sehr hilfreich, in diesen Trans-
aktionen die Abwertung zu erkennen. Sie
machen eine unbedarfte Person in der
Regel sprachlos. Sie weiß nicht, wie sie
das Gespräch daraufhin fortsetzen soll.
Wie immer birgt hier das Bewusstsein die
Möglichkeit, transparent zu machen, was
passiert. Und das Gespräch dann erneut
auf das Erfragte zu lenken, statt sich vom
Abwertungsmaterial davon abbringen zu
lassen.
Wer blockierend oder tangential reagiert,
der hat vorab unbewusst oder bewusst
beschlossen, die Situation oder den an-
deren abzuwerten. Meist geht dem die
Interpretation voraus, dass es gefährlich
oder unangenehm sein könnte, sich auf
das Gespräch, das vom Gegenüber an-
gefangen wird, einzulassen. Abwertung
ist in diesem Sinne keine bedacht ein-
gesetzte Strategie. Sie lässt sich darauf
zurückführen, dass ein Mensch in einer
bestimmten Situation die Realität nur ein-
geschränkt wahrnehmen kann. So wer-
den beispielsweise Informationen,
die zur Lösung eines Problems wich-
tig sind, nicht beachtet. Wie bereits
in der analytischen Betrachtung des
Zuhörens beschrieben, ist Wahrneh-
mung immer selektiv. Dabei kann es
bewusst, teil- oder unbewusst passie-
ren, dass jemand einen durchaus be-
deutenden Aspekt des Ganzen nicht
zur Kenntnis nimmt. Er vernebelt ihn
oder gibt ihm nicht die ihm angemes-
sene Bedeutung. So wird ein Teil des
Ganzen verharmlost oder verschwiegen.
Der Gesamtprozess einer solchen Ab-
wertung vollzieht sich in vier Stufen: An
ihrem Anfang steht die Ausblendung des-
sen, dass überhaupt etwas geschehen ist.
Dann wird die Bedeutung falsch einge-
schätzt, möglicherweise die Relevanz des
Ganzen bestritten. Wie sich die Situation
dann darstellt, wird daraufhin als unver-
änderbar postuliert. Letztendlich wird
dann meist betont, dass man persönlich
nicht dazu fähig ist oder war, anders zu
reagieren, als man es tut oder getan hat.
Umgangssprachlich nennt sich dieser
Abwertungsprozess „Teppichkehrerei“:
Wo man „etwas unter den Teppich“ fegt,
entsteht ein Hügel. Er wird (selbst wenn
sich bereits der Teppich hebt) hartnäckig
ignoriert. Man stolpert vielleicht schon
durch das Zimmer, betrachtet das aber als
Normalität. Schließlich kann man daran
ja auch gar nichts ändern, weil man ja
,nicht einmal weiß, dass der Berg unter
dem Teppich überhaupt vorhanden ist.
Lösungswege von
Stolperfallen befreien
Es besteht die Chance, dass mithilfe von
Geduld und Konsequenz der Prozess der
Abwertung wieder zurückgeführt werden
kann. Die Stufen der Abwertung kann
man sowohl vorwärts als auch rückwärts
gehen. In seiner Umkehrung ist das Ab-
wertungsmodell eines der Aufwertung
(Das zugrunde liegende Modell wird in
dem Buch „Konflikte lösen mit System“,
Junfermann 2005, ausführlich erläutert):
• Man fragt auf der ersten Stufe nach
dem Konflikt, sortiert auseinander, was
genau das Eigene und was das der an-
deren ist.
• Dann geht es darum, die Bedeutung
des Ganzen zu eruieren, herauszufin-
den, was für einen selbst und die ande-
ren davon abhängt.
• Dann kann man nun nach Alternativen
und Zieldefinitionen fragen: Was kann
oder soll anders werden?
• Und schließlich: Was wird wer wann
tun, um dieses Ziel zu erreichen?
In Form einer Metapher ausgedrückt
geht der Prozess so vonstatten: Man re-
gistriert, dass der Hindernislauf über den
Teppich einem Mühe macht. Man geht
dem Stolpern auf den Grund, schaut
unter den Teppich und macht sich daran,
das, was darunter zum Vorschein kommt,
angemessen zu entsorgen. Dieses Schema
bietet eine gute und einfache Grundlage
für die alltägliche Anwendung „Mediati-
ver Kommunikation“. Wenn jemand also
Abwertung wahrnimmt, dann kann er die
Schritte zurückführen bis zu deren Aus-
gangspunkt. Er erhält so die Möglichkeit,
das, was abgewertet oder nicht gesehen
wurde, erneut in den Blick zu nehmen.
R
Buchtipp.
Dieser
Artikel ist ein für
„wirtschaft + weiter-
bildung“ bearbeite-
ter Auszug aus dem
Buch „Mediative
Kommu n i k a t i o n “
(Junfermann Verlag,
Paderborn 2006,
248 Seiten, 24,90
Euro). Das Buch lie-
fert eine prägnante Darstellung
der Grundlagen „Mediativer Kom-
munikation“ – vom „Aktiven Zuhö-
ren“ bis zur „Gewaltfreien Kommu-
nikation“. Darauf aufbauend erhält
der Leser die Möglichkeit, sich
mithilfe praktischer Beispiele und
Übungen die wesentlichen Werk-
zeuge selbst zu erarbeiten.
Von Rogers bis
Rosenberg