Seite 37 - wirtschaft_und_weiterbildung_2015_02

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02_2015
wirtschaft + weiterbildung
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Selbstbewusstsein, als Kränkung emp-
funden. Dabei kommt es häufig zu dem
emotionalen Eindruck, verkehrt oder un-
fähig zu sein, sich in einer schwierigen
Situation zu behaupten. Daraus entsteht
die Furcht vor einem erneuten Versagen.
Und da die Kehrseite von Angst Wut ist,
bedeutet dies auch ein beachtliches Ag-
gressionspotenzial. Auf solchen inneren
Vorgängen basieren im Endeffekt Strate-
gien wie die des Angriffs als beste Ver-
teidigung.
In der Beschränkung auf die Sachebene
in diesem Konflikt hätte sich Martin
nach Überwindung des Schocks wohl
zwischen Lisa und Lara zu entscheiden.
Oder er müsste eine andere Möglichkeit
finden, den gleichzeitigen Kontakt zu
Lisa und Lara zu vereinbaren und sich
beispielsweise heimlich mit Lara treffen.
Vielleicht könnte er auch in die Aushand-
lung weiterer Optionen mit Lisa gehen.
Solange ihm allerdings noch keine Idee
zur Bewältigung der Situation zur Ver-
fügung steht, kann er den Schock nicht
überwinden. Eine nähere Betrachtung der
Gefühlsebene zeigt als Konfliktmotivation
zum einen Lisas Eifersucht. Zum ande-
ren Martins Ärger über Lisa, dass sie ihn
in solch ein Ultimatum stellt. Verbunden
ist dies möglicherweise bei Martin mit
dem Eindruck, dass Lisa ihn bevormun-
den oder kontrollieren will. Das heißt,
in Martin entsteht vielleicht zusätzlich
eine damit gekoppelte Kränkungswut
über Lisas vermeintlich mangelnde Wert-
schätzung in Bezug auf Martins Fähig-
keit, Freundschaft und Beziehung ausei-
nanderzuhalten. Zudem möchte Martin
selbst entscheiden können, mit wem er
sich wie und wann trifft. Lisas einge-
schränktes Vertrauen in seine Loyalität
und Liebe ihr gegenüber bestärkt in ihm
das Gefühl, nicht verstanden zu werden.
Er fühlt sich einsam, nicht gesehen in
seinen Gefühlen, Bedürfnissen und Wert-
vorstellungen. Der Schockzustand, in
den Martin spontan gerät, ist Ausdruck
seiner persönlichen Verlustangst, die sich
in den Konsequenzen, die sich aus einer
Entscheidung zwischen Lisa und Lara er-
geben, manifestiert.
Hinter Lisas Verhalten steht eine ebensol-
che Verlustangst. Sie ist gepaart mit Un-
sicherheit aus Minderwertigkeitsgefühlen
heraus. Diese lassen sie befürchten, Mar-
tin könnte durch den weiteren Kontakt zu
Lara das Interesse an ihr verlieren. Sie hat
Angst, er könnte doch noch feststellen,
dass Lara schöner, klüger und angeneh-
mer, kurzum die bessere Partnerin für
ihn sei. Schließlich haben sie ja auch die
gemeinsamen Kinder, die sie miteinander
verbinden. Sowohl Martin als auch Lisa
reagieren auf diese Angst unter Zuhilfe-
nahme ihrer individuellen Bewältigungs-
strategien. Bei Lisa zeigt sich dies in der
Forderung an Martin, die sich in weiteren
Ausführungen den Strategien des Angrei-
fens und Manipulierens zuordnen lässt.
Martins Strategie wird anhand dieses Bei-
spiels noch nicht deutlich, da seine Ge-
fühle durch den Schockzustand vorerst
blockiert sind. Vielleicht greift er auf das
Bitten und Betteln zurück. Womöglich
aber auch auf eine andere Strategie. Die
Situation enthält sowohl für ihn als auch
für Lisa umfangreiches Kränkungspoten-
zial.
Die Abwertung findet sich schon im
Ansatz des Ultimatums der Entschei-
dung zwischen zwei Personen, die beide
gleichwertiger und fester Bestandteil sei-
nes Lebens sind. Würde sich Martin tat-
sächlich entscheiden, würde er eine der
beiden ihm vertrauten Personen in ihrer
Bedeutung für ihn reduzieren, also ab-
werten. Weil Körpersprache und Gedan-
ken sich gegenseitig beeinflussen, kann
das Ändern der Körperhaltung in solch
einer Situation bereits neue Gedanken
wecken. Es lohnt sich also in Bezug auf
Kränkungen und Konflikte auch über den
Innenblick hinaus zu beobachten, wel-
che Haltung jemand typischerweise und
in der konkreten Situation einnimmt. Im
Anschluss daran kann man ausprobieren,
was passiert, wenn diese von ihm verän-
dert wird.
Abwertungstransaktionen
im Alltag
Wer eine Mediation zum Erfolg führen
will, muss den Abwertungsprozess rück-
gängig machen. Mit einem „Wird schon
wieder“ ist in der Regel keinem geholfen,
der sich gekränkt oder handlungsunfähig
fühlt. In der Transaktionsanalyse wird Ab-
wertung als ein Nicht-Wahrnehmen oder
Verdrängen eines vorhandenen Problems
(oder dessen Lösungsmöglichkeiten) be-
Bewegung in die eine oder andere Rich-
tung ergibt. Er möchte weder Lisa noch
Lara verlieren. Ein solcher Schockzustand
verursacht bei den meisten im Nachhi-
nein großen Ärger auf sich selbst. Dies
geschieht aus dem Unverständnis für die
Verwirrung heraus, die einen weder füh-
len noch bewegen, sagen oder denken
lässt. Nicht umsonst gibt es so viel Litera-
tur mit Tipps zur Schlagfertigkeit, die ge-
zielt Hilfestellung leisten, einen solchen
Schockzustand schneller zu überwinden.
Ähnlich verhält es sich mit dem Gefühl
der Hilflosigkeit. Es wird (wenn nicht
sofort, dann doch meist im Nachhinein)
als eine Einbuße in Selbstwertgefühl oder