R
02_2015
wirtschaft + weiterbildung
33
teilungen bei den Einzelkriterien auch ge-
mittelt, sodass aus einem Mitarbeiter mit
einer geringen Kundenorientierung, aber
einem hohen Arbeitstempo unter dem
Strich ein „guter“ Mitarbeiter wird.
Eine Schattenseite der Leistungsmessung
lautet: Die ihr zugrunde liegenden Mitar-
beitergespräche beziehen sich nicht dar-
auf, wie die Leistung des Mitarbeiters ge-
sichert oder gar gesteigert werden kann.
Das heißt, in den Gesprächen stehen
nicht Fragen an zentraler Stelle wie:
• Was erfordert die aktuelle oder künftige
Arbeitssituation?
• Welche Ziele gilt es künftig zu errei-
chen?
• Was bedeutet dies für das Verhalten/
Tun des Mitarbeiters?
• Bringt er hierfür die erforderlichen Vor-
aussetzungen mit?
• Welche Unterstützung benötigt er, um
künftig seinen Beitrag zum Erreichen
der Unternehmensziele zu leisten?
Stattdessen konzentriert sich das Ge-
spräch auf die Leistung des Mitarbeiters
in der Vergangenheit. Für den Arbeitneh-
mer zählt nicht die Frage, wie er seine
Leistung steigern und auch in einem
veränderten Unternehmensumfeld er-
bringen kann. Wichtig ist für ihn primär
die „Note“ für seine erbrachte Leistung.
Denn sie entscheidet unter anderem da-
rüber, ob er eine Gehaltserhöhung oder
Prämie erhält. Alle anderen Fragen, die
in dem Gespräch mit seiner Führungs-
kraft eventuell noch erörtert werden, sind
für ihn von untergeordneter Bedeutung.
Wäre es also vor diesem Hintergrund
nicht sinnvoll, auf solche Beurteilungen
zu verzichten, damit in den Mitarbeiter-
gesprächen wieder die Herausforderun-
gen, vor denen das Unternehmen steht,
im Vordergrund stehen?
Individuelle Leistung immer
schwerer zu messen
Das fragt sich eine wachsende Zahl
von Unternehmen auch aus folgendem
Grund: Die den Beurteilungssystemen
zugrunde liegende individuelle Leis-
tungsmessung und -bewertung wird der
Arbeitssituation in modern geführten und
strukturierten Unternehmen, die zuneh-
mend vernetzte Systeme sind, immer we-
niger gerecht. Denn in ihnen werden die
Leistungen, zumindest in den Kernberei-
chen in Teams erbracht. Und die Leistung
des einzelnen Mitarbeiters? Sie hängt
immer stärker von der Zuarbeit sowie
Qualität der Leistung von Kollegen oft
auch aus anderen Unternehmensberei-
chen ab. Deshalb ist es sogar zunehmend
schwierig, den Beitrag, den ein Bereich
zum Erreichen der Unternehmensziele
leistet, zu messen und zu quantifizieren
– auch weil die Arbeitsinhalte und -pro-
zesse in den Bereichen kaum vergleichbar
sind. Noch schwieriger ist dies bezogen
auf die einzelnen Mitarbeiter – selbst
wenn sie anscheinend identische Auf-
gaben haben. Denn meist sind die Rah-
menbedingungen, unter denen sie diese
wahrnehmen, sehr verschieden.
Das heißt: Die Unternehmen agieren bei
ihren Beurteilungssystemen oft mit einem
sehr vagen Begriff von Leistung. Und die-
ser wird als die Basis für aus Mitarbei-
tersicht so weitreichende personalwirt-
schaftliche Entscheidungen wie Gehalts-
erhöhungen und Prämien, Beförderungen
und Versetzungen und im Extremfall
sogar Kündigungen herangezogen. Des-
halb werden die Beurteilungen gerade in
Unternehmen, in denen die Leistungen
weitgehend im Team erbracht werden,
immer häufiger als ungerecht und demo-
tivierend empfunden. Denn die Mitarbei-
ter haben das Gefühl: Meine Person und
der Beitrag, den ich zum Erreichen der
Unternehmensziele leiste, werden nicht
adäquat wahrgenommen und geschätzt.
Zahl der Beurteilungsfehler
steigt
Diesen Eindruck haben die Mitarbeiter
zum Teil zu Recht. Denn, wenn die Leis-
tung den Mitarbeitern nicht mehr direkt
zuordenbar ist und die Führungskräfte
zusätzlich ihre Mitarbeiter eventuell
sogar aus der Ferne führen, erhöht sich
automatisch die Zahl der Beurteilungs-
fehler. Also ist auch häufiger die zum Bei-
spiel auf Basis der Beurteilungen erfolgte
Verteilung der verfügbaren Belohnungen
ungerecht, was wiederum zu Disharmo-
nien, wenn nicht gar Konflikten im Team
führt. Das ist vielen Führungskräften be-
wusst. Deshalb sehen sie in der Beurtei-
lung zunehmend eine lästige Pflicht und
„machen“ diese für die Personalabteilung
– jedoch nicht für ihre Mitarbeiter. Ein
weiteres Manko der Beurteilungssysteme
ist: Schwache Führungskräfte neigen
dazu, sich mit ihren Personalentschei-
dungen hinter dem Beurteilungssystem
und dem damit verbundenen Verteilsys-
tem zu verstecken. Das heißt: Sie ent-
schuldigen ihre Entscheidung, Mitarbei-
tern zum Beispiel Prämien, Beförderun-
gen oder Entwicklungsmaßnahmen zu
verwehren, mit dem Beurteilungssystem
statt den schwierigen, aber produktiven
Klaus Kissel
ist einer der beiden
Geschä f t s f üh r e r
des IFSM-Institut für
Sales- und Manage-
mentberatung, das Unternehmen unter
anderem in den Bereichen Personal-
und Organisationsentwicklung unter-
stützt. Er ist Autor des Buchs „Das
Prinzip der minimalen Führung“ (Wind-
mühle Verlag, 2011).
IFSM-Institut für Sales- und
Managementberatung
Uwe Reusche, Klaus Kissel
Klostergut Besselich, 56182 Urbar
Tel. 0261 9623641
AUTOREN
Martin Rugart
arbeitet als Berater
für Veränderungs-
prozesse und als
Führungskräftetrai-
ner und Coach für das IFSM-Institut für
Sales- und Managementberatung. Er
war lange Zeit in der Personalentwick-
lung verschiedener Unternehmen und
als Führungskraft im Personalbereich
tätig.
IFSM-Institut für Sales- und
Managementberatung
Uwe Reusche, Klaus Kissel
Klostergut Besselich, 56182 Urbar
Tel. 0261 9623641