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wirtschaft + weiterbildung
02_2015
titelthema
„Ein Einzelner kann ein soziales System nicht ändern“
Haben Sie „systemische“ Erkenntnisse für den Papst?
Fritz B. Simon:
Ein Einzelner kann ein soziales System
nicht einseitig ändern. Er braucht eine Vielzahl von Verbün-
deten innerhalb des Systems. Der Papst wird also nicht
umhin kommen, Bischöfe und Kardinäle auf den Schlüssel-
positionen der Kurie auszutauschen. Nur so kann es ihm
gelingen, die Muster der Kommunikation und Entschei-
dungsfindung zu beeinflussen. Wenn die etablierten Kar-
rieristen sagen, der neue Papst sei ein Spinner, muss es
andere geben, die für den Papst als notwendigen Reformer
Werbung machen und seine Botschaften nicht nur „richtig“
interpretieren, sondern auch umsetzen. Der Papst braucht
seine eigenen Leute, weil die alternative Spielregeln prak-
tizieren können. Ein Einzelner, egal wie hoch er in der
Hierarchie angesiedelt ist, entscheidet nicht wirklich, wie
anerkennend oder abfällig über ihn und seine Absichten in
einer Organisation geredet wird und ob seine Ideen ernst
genommen und realisiert werden.
Richtungsweisende Personalentscheidungen soll es
schon gegeben haben …
Simon:
Ja, der Papst hat nach meinem Wissen schon
Gleichgesinnte in die Kurie berufen, die bislang für höhere
Interview.
Eine gewisse Sympathie für die Anliegen des neuen Papsts kann man Prof. Dr.
Fritz B. Simon, Berlin, schon anmerken. In diesem Interview verrät er, wie Papst Franziskus
sich gegenüber der Kurie durchsetzen kann. Simon gilt als führender Vertreter der
systemischen Organisationstheorie und zählt zur Heidelberger Schule.
Ämter nicht vorgesehen waren. Das heißt, er unterbricht
die traditionellen Karrieremuster, was im Sinne eines Kul-
turwandels als ausgesprochen positiv und effektiv ist.
Wie viele Anhänger braucht er in Schlüsselpositionen?
Simon:
Ich schätze, der Papst bräuchte schon vier oder
fünf vertraute Kurienkardinäle (je mehr, desto besser), mit
denen er regelmäßig gemeinsam reflektieren kann, wie
man mit der Kurie in bestimmten konkreten Fällen umge-
hen sollte. Und dann muss er möglichst viele Leute, die
anders ticken als die alten, auf einflussreiche Posten beru-
fen. Es kommt darauf an, ein Gegensystem zu etablieren,
um die formale Macht, die er auf dem Papier ja hat, auch
wirksam werden zu lassen. Das heißt, es ist wichtig, die
eingefahrenen Muster der Interaktion durcheinanderzubrin-
gen und alternative Spielregeln zu etablieren.
Wird der Papst es schaffen?
Simon:
Er macht einige Sachen ganz gut. Insbesondere
gilt dies für die Art, wie er hoch symbolisch seine Beschei-
denheit zelebriert und wie er Personalpolitik gegen das
Establishment macht. Auch dass er nicht in den üblichen
Prunkgemächern wohnt, ist klug. So zieht er sich aus den
traditionellen Tagesabläufen heraus, die ja auf jeden Amts-
träger eine hohe suggestive, Anpassung erzeugende Wir-
kung haben können. Wenn er jetzt noch in der Kurie einige
eingefahrene Verfahrensweisen ändert, kann er dauerhafte
Veränderungen vollbringen. Aber ich sage bestimmt nicht,
dass es für ihn leicht wird. Die Kurie scheint ein ziemlich
korrupter Laden zu sein, der in der Lage ist, alle unsere
Vorurteile gegenüber südländisch-mafiösen Strukturen zu
bestätigen.
Der Papst als erste Systemiker auf dem Stuhl Petri?
Simon:
Alle Akteure, die erfolgreich sind, sind gute Syste-
miker – sie wissen es nur meist nicht. Jeder, der Erfolg
hat, macht bezogen auf das System, in dem er lebt, etwas
richtig. Doch dieser Erfolg trägt häufig den Keim des künf-
tigen Scheiterns schon in sich. Das Problem ist, dass die
Erfolgreichen es im Laufe der Zeit nicht merken, dass sie
ihr Handeln an eine sich verändernde Welt anpassen müs-
sen. Da hört dann die systemische Kompetenz üblicher-
weise auf.
Interview: Martin Pichler
Prof. Dr. Fritz B. Simon,
einer der Pioniere der
systemischen Organisationsberatung
Foto: Martin Pichler