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02_2015
wirtschaft + weiterbildung
23
R
als Gruppenphänomen: Die Kultur be-
steht aus grundlegenden, kollektiven
Überzeugungen, die das Denken, Han-
deln und Empfinden der Führungskräfte
und Mitarbeiter maßgeblich beeinflussen
und insgesamt typisch für die betreffende
Organisation sind. Die Kultur bestimmt
die Art des Umgangs miteinander, die Art
der Anrede, den Jargon, der im Unterneh-
men herrscht, die Art der Kleidung, die
Art, wie Waren produziert und Dienstlei-
stungen erbracht werden.
Personalentscheidungen sind
der zentrale Stellhebel
Die Kultur gilt als der Teil eines Systems,
der sich in der Regel am hartnäckigsten
allen Veränderungsbestrebungen wi-
dersetzt. Das liegt daran, dass die wich-
tigsten Grundüberzeugungen seit vielen
Jahren einfach wie selbstverständlich
gelten. „Wenn der Papst wirklich etwas
verändern will, muss er an kulturrele-
vanten Stellen mit konkreten Entschei-
dungen von dem abweichen, was Päpste
bislang gemacht haben“, rät Wimmer.
„Besonders kulturwirksam sind Perso-
nalentscheidungen.“ Der Papst solle ab
sofort nur noch Menschen auf die Schlüs-
selpositionen der Kurie setzen, die frei
von den 15 Krankheiten seien und die in
ihrem Bereich Veränderungen im Sinne
des Papstes bewirken wollten. Erst wenn
der Papst kontinuierlich mit Personalent-
scheidungen auf die Zusammensetzung
der Kurie Einfluss nähme, entstehe das
„spürbare Zeichen“, das den Papst-Geg-
ner signalisiere, dass sie ihr Verhalten
wirklich ändern müssten.
„Die Kultur in der Kurie dreht sich nicht
nach der ersten Personalentscheidung“,
warnt Wimmer. Der Papst müsse an sei-
nem Veränderungsprojekt „hartnäckig
über Jahre dranbleiben“. Dazu gehöre
auch, dass er durch regelmäßige Ge-
spräche kontrollieren müsse, ob die von
ihm beförderten Würdenträger ihre Füh-
rungsaufgabe tatsächlich in seinem Sinne
wahrnähmen und nicht etwa vom alten
System umgedreht würden. Jeder „Appa-
rat“ habe schließlich seine Verlockungen,
Menschen zu vereinnahmen.
Sollten die Mitglieder der Kurie nicht
durch motivierende Workshops dazu
gebracht werden, das Change-Anliegen
des Papstes besser kennen und lieben zu
lernen? „Nein“, meint Wimmer. Work-
shops schadeten zwar nicht, aber wenn
sich etwas ändern solle, dürfe zu Beginn
des Kulturwandels nicht nur geredet wer-
den. „Wichtig ist, dass der Papst konkret
für alle sichtbar handelt und zeigt, dass
er seine Macht auch gezielt einsetzen
kann.“ Der Stellhebel dazu seien nun ein-
mal Personalentscheidungen. Sie zeigten
insbesondere den Karrieristen, dass ein
neuer Wind wehe.
Dass der Papst auf seine hierarchische
Macht setze, ist auch für Dr. Barbara Hei-
tger, Chefin der systemischen Beratung
Heitger Consulting in Wien, der entschei-
dende Schritt, um den Change-Prozess in
Gang zu setzen. Sie plädiert aber dafür,
rechtzeitig auf einen Mix aus Top-down-
und Bottom-up-Steuerung zu setzen. Jede
direktive Steuerung von oben sollte durch
Selbstorganisation von unten ergänzt
werden. Eventuell könnte es dem Papst
gelingen, die untere und mittlere Ebene
der Kurie für sich zu gewinnen. Denk-
bar wäre aber auch, dass rund um den
Globus dezentrale Initiativen entstehen,
selbstgesteuerte Bewegungen der Gläu-
bigen, die die Haltung des Papstes unter-
stützen. Diese müssten wirksam gebün-
delt werden, um „von außen nach innen“
zu wirken.
„Ich traue es dem Papst zu, dass er seinen
Kulturwandel hinbekommt“, sagt auch
Prof. Dr. Gerhard Fatzer, Leiter des Trias-
Instituts in Zürich. Franziskus bringe als
Argentinier die nötige „Außensicht“ mit
und sei noch nie in die Machenschaften
der Kurie verstrickt gewesen. Trotzdem
sei er erfahren genug, Intrigen zu unter-
binden. Außerdem könne er leicht durch
neue Selektionsmechanismen mehr „ex-
terne“ Bischöfe aus den Ortskirchen und
vielleicht sogar Laien in die Kurie brin-
gen. Der größte Trumpf des Papstes als
Change-Manager sei aber seine persön-
liche Glaubwürdigkeit. Dieses vorbild-
liche Verhalten werde andere mitreißen.
Dafür gibt es laut Fatzer schon einige
Belege. Die Schneider von Rom berichten
zum Beispiel einhellig, dass sie nur noch
schlichte, preiswerte Priesterroben und
Messgewänder verkaufen können. Seide,
bestickte Stoffe und vor allem Hermelin
sind out.
Martin Pichler
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