Seite 48 - wirtschaft_und_weiterbildung_2014_09

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training und coaching
48
wirtschaft + weiterbildung
09_2014
werden müssen, die wichtigsten Voraus-
setzungen. Danach folgen dann konkrete
methodische Ausgestaltungen oder spe-
zifische Tools, die zum Einsatz kommen.
Darüber hinaus wird durch den Ansatz
dieser Studie Coaching in seinem inneren
Zusammenhang derart trivialisiert, dass
die Ergebnisse nichts mehr mit dem Ge-
genstandsbereich zu tun haben, auf den
sie sich beziehen wollen.
„Niemals wertende oder
bewertende Items verwenden“
Natürlich muss Forschung – vor allem
die quantitative – immer vereinfachen,
um komplexe Zusammenhänge abbil-
den und damit untersuchbar machen zu
können. Die innere Logik muss jedoch er-
halten bleiben, damit Beziehungen zwi-
schen den Forschungsergebnissen und
der „Wirklichkeit“ hergestellt werden
können. Ein weiterer Grundsatz guter
empirischer Forschung ist es, nicht wer-
tend auf den Forschungsgegenstand zu
schauen und keine Ergebnisse in eine
bestimmte Richtung erzielen zu wollen.
Empirische Forschungsmethodik sieht
daher die theoriegeleitete Arbeit mit Hy-
pothesen vor, die in der kritisierten Stu-
die nicht in Ansätzen vorliegen, um die
Subjektivität des Forschers soweit es geht
aus der Forschungsarbeit herauszuhalten,
also keine Konkordanz zu erzeugen. Die
gezielte Suche nach „negativen Wirkun-
gen“ fördert alsdann auch welche zutage,
oh Wunder. Schon im ersten Semester
des Psychologiestudiums wird gelehrt,
bei der Fragebogenkonstruktion niemals
wertende oder bewertende Items zu ver-
wenden, um keine unkontrollierbaren
emotionalen Konnotationen hervorzuru-
fen. Man weiß dann nämlich nicht, was
alles in den Daten steckt, welche die Be-
fragungsteilnehmer erzeugt haben.
Was ist eine „positive“, was
eine „negative“ Wirkung?
Um hier nicht missverstanden zu wer-
den: Ich finde ergebnisoffene Wirksam-
keitsforschung für Coaching und andere
Beratungsformate sehr wichtig und nötig.
Hier jedoch von Anfang an in positive
und negative Effekte zu unterscheiden,
wird meines Erachtens der Komplexität
des Gegenstandsbereichs nicht gerecht.
Was eine positive und was eine negative
Wirkung von Coaching ist, hängt stark
von der Beobachter- und von der Zeitper-
spektive ab.
Ob eine Coaching-Maßnahme nun er-
folgreich war, kann aus der Sicht des
Klienten, des Coachs, des Auftraggebers
oder der Führungskraft, der Kollegen, der
Personalverantwortlichen und der Fami-
lie daheim jeweils sehr unterschiedlich
aussehen.
Auch in der Zeitperspektive muss gedacht
werden. „Positive Wirkungen“ (schein-
bare Lösungen) können sich im Zeitver-
lauf als dauerhaft dysfunktional entpup-
pen und ebenso kann eine anfänglich
„negative Wirkung“ im Zusammenhang
mit dem Coaching (zum Beispiel eine
Enttäuschung) später zu den gewünsch-
ten Veränderungen führen. Es wäre dem-
nach angemessener, das Wirkungsspek-
trum von Coaching zu untersuchen, als
sich von Anfang an auf die „negativen Ef-
fekte“ zu kaprizieren. In der Studie wird
weiterhin deutlich, dass die Autoren nicht
klar zwischen Tools, Methoden und einer
Profession unterscheiden.
So wird Coaching einmal als „Methode“,
mal als „Tool“ und ein anderes Mal als
„Profession“ angesprochen. Was also
nach Meinung der Studie Coaching nun
eigentlich ist, was dann darin passiert
und was dabei herauskommt, bleibt im
Unklaren. Bleibt die Hoffnung, dass nicht
allzu viele negative Nebenwirkungen
durch diese Art von Coaching-Forschung
hinterlassen werden.
Thomas Bachmann
R
Dr. Thomas
Bachmann,
Di p l om- Psycho -
loge, Jahrgang
1964, ist Grün-
dungsmitglied und Seniorpartner der
Artop GmbH, einem Beratungs-, Aus-
bildungs- und Forschungsinstitut an
der Humboldt-Universität zu Berlin auf
dem Gebiet der Personal- und Orga-
nisationsentwicklung und Usability.
Seit 1993 arbeitet er als Berater und
Coach für Organisationen, Führungs-
kräfte und Teams. Er ist Senior-Coach
beim Deutschen Bundesverband
Coaching (DBVC) und Mitglied weite-
rer Institutionen und Verbände und
Lehrbeauftragter an der Humboldt-
Universität zu Berlin. Seit 2001 arbei-
tet er als Ausbilder und Lehrtrainer
für Coachs und Berater.
Artop GmbH
Christburger Str. 4, 10405 Berlin
Tel. 030 44 012 99-0,
AUTOR
Workshop.
Coachs diskutierten mit Professor Schermuly auf einer Abendveran-
staltung der Artop GmbH über die Bedeutung von Coaching-Nebenwirkungen.
Foto: Artop