R
09_2014
wirtschaft + weiterbildung
47
(allein schon das Aufschreiben dieser Zei-
len schmerzt gehörig).
Einen weiteren Analogieschluss zieht
der Autor zur Psychotherapieforschung
und übernimmt auch von dort metho-
dische Anleihen für seine Studie. Auch
dies bleibt zweifelhaft, weil man es in der
Psychotherapieforschung mit Diagnosen,
dem Krankheitsbegriff, Therapieansät-
zen und einer eingeschränkten Fähigkeit
zur Selbststeuerung bei den Patienten zu
tun hat. Davon ausgenommen ist selbst-
redend jener große und wichtige Bereich
der Psychotherapie, in dem es um Klä-
rung und Entwicklung des Selbst geht,
wo also kein pathologischer Anlass vor-
liegt, sondern persönliches Wachstum
das Thema ist.
„Es geht nicht um Heilungen
und Medikamente ...“
An dieser Stelle sollte vielleicht noch ein-
mal unmissverständlich geklärt werden,
dass sich professionelles Coaching auf
Menschen bezieht, die – freiwillig und
auf Augenhöhe – eigenverantwortlich
und aktiv berufsbezogene Themen re-
flektieren und gemeinsam mit dem Coach
Handlungsoptionen entwickeln, bei deren
Umsetzung sie vom Coach unterstützt
werden. Es geht also nicht um Diagnosen,
Krankheiten, Medikamente und Heilung,
sondern um Beziehung, Dialog, Ko-Kre-
ation, Reflexion und Handlungsorientie-
rung. Denn wie wir durch die Beschrei-
bungen und Erklärungen der modernen
Systemtheorie und des Konstruktivismus
und die alltägliche Erfahrung mehr als
eindeutig zur Kenntnis nehmen müssen,
lassen sich Menschen nicht linear-kausal
durch irgendein Tool oder eine Methode
beeinflussen. Sie bleiben Subjekte, auch
wenn es immer wieder Versuche gibt, Ob-
jekte aus ihnen zu machen, an oder in
denen man etwas umbauen oder reparie-
ren kann.
Und als Subjekte verhalten sie sich auch
und entscheiden letzten Endes selbst,
was aus den Impulsen wird, die man
ihnen „verabreicht“ – ob sie sich darauf
einlassen und lernen oder ob die Impulse
verrauschen oder abgewehrt werden.
Freilich wecken sie dabei bei den „Im-
pulsgebern“ (zum Beispiel bei Coachs,
Führungskräften, Beratern, Lehrern, El-
tern …) die Illusion, dass die Wirkung
durch eine bestimmte Intervention er-
reicht wurde, und die „Impulsgeber“ at-
tribuieren gerne selbstwertdienlich, dass
ihre Impulse ursächlich etwas mit den
zu beobachteten Veränderungen zu tun
haben. Diese Phänomene können durch
bekannte Theorien der Sozialpsychologie
beschrieben werden. Nebenbei bemerkt
ist in der Therapie-, Bildungs- sowie in
der Führungsforschung seit Langem be-
kannt und unbestritten, dass die Bezie-
hung zum Patienten, Schüler beziehungs-
weise zum Mitarbeiter der entscheidende
Prädiktor ist und nicht die verwendete
Methode oder Technik. Dies konnte auch
in Wirksamkeitsstudien zu Coaching ge-
zeigt werden.
„Coaching ist keine messbare
Dienstleistung“
Das, was im Coaching entsteht, entsteht
nur durch den gemeinsamen Dialog
zwischen Klient und Coach. Coaching
ist somit ein autopoietisches System: Es
erzeugt das, woraus es besteht, mithilfe
dessen, woraus es besteht. Es ist also
keine messbare oder irgendwie sonst
quantifizierbare Dienstleistung, die da
von einem Coach erbracht wird, sondern
das Ergebnis gemeinsamen Kommunizie-
rens und Reflektierens auf Basis einer ver-
trauensvollen Beziehung, die es erlaubt,
dass sich alle Beteiligten in eine lernende
Haltung begeben und neue Beschreibun-
gen, Erklärungen und Bewertungen und
damit Handlungsmöglichkeiten für die
Klientensituation entwickeln. Ja, sowohl
der Klient als auch der Coach lernen
dabei.
Wer glaubt, dass der Coach im Coaching
nicht lernt, verwechselt Coaching mit
Expertenberatung. Damit dieses Wunder
des Dialogs im Sokratischen Sinne also
passieren kann, sind ein professioneller
Kontext, in dem das Coaching initiiert
wird und geschieht sowie die entspre-
chende Struktur- und Prozessqualität,
die von Seiten des Coachs sichergestellt
Negativer Effekt (Nebenwirkung)
Häufigkeit aus Sicht
der Coachs (n=123)
Durch das Coaching …
… wurden beim Klienten/bei der Klientin tiefer gehende Probleme
angestoßen, die nicht bearbeitet werden konnten
26,0 %
… wurden die ursprünglichen Ziele des Klienten/der Klientin
abgewandelt, ohne dass er/sie das wollte
17,1 %
… hat der Klient/die Klientin seine/ihre Arbeit als weniger
bedeutsam erlebt
17,1 %
… hat sich die Beziehungsqualität zu den Vorgesetzten
verschlechtert
13,8 %
… reduzierte sich die Arbeitszufriedenheit des Klienten/der
Klientin
13,0 %
… zeigte der Klient/die Klientin höhere Schwankungen in
seinen/ihren Arbeitsleistungen
13,0 %
… entwickelte der Klient/die Klientin ein verstärktes
Abhängigkeitsverhältnis zum Coach
12,2 %
… reduzierte sich die Lebenszufriedenheit des Klienten/
der Klientin
9,8 %
Die acht häufigsten Nebenwirkungen
Ranking.
Es gibt eine breite Vielfalt negativer Effekte. Die
ersten sieben in dieser Tabelle können nach den Angaben der
befragten Coachs als „sehr häufig“ eingestuft werden.
Quelle: Die Originalstudie „Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie … Negative Effekte von Coaching“ von
Schermuly, Schermuly-Haupt, Schmölmerich und Rautenberg ist in der Zeitschrift für Arbeits- und Organisations-
psychologie (1/2014) erschienen (kostenpflichtiger Download