Seite 44 - wirtschaft_und_weiterbildung_2014_09

Basic HTML-Version

44
wirtschaft + weiterbildung
09_2014
training und coaching
Kürzlich wurde ich zu einer Ausschreibung ein­
geladen. Ich war irritiert. Es war ein sehr großes
Unternehmen und ich fragte mich, wer auf die
Idee gekommen war, uns für eine Ausschreibung
dieser Größenordnung anzufragen. Die zuständige
Ansprechpartnerin versicherte mir, man habe sorg­
fältig recherchiert. Die Edutrainment Company sei
keinesfalls zu klein, man sei von unserer Kreativi­
tät begeistert und wir sollten unbedingt ein Ange­
bot abgeben. Wir kämpften uns bis in die letzte
Runde der Ausschreibung vor, selbst der Einkäufer
schien von unserem Konzept überzeugt zu sein.
Allerdings nicht von unseren Preisen. Am Ende
machte ein Anbieter das Rennen, der unseren
Tagessatz noch einmal um satte 500 Euro unter­
bot. Gute Konzepte sind willkommen, solange sie
nichts kosten.
Ich habe mich entschlossen, an solchen Ausschrei­
bungen nicht mehr teilzunehmen. Die Werbebran­
che handelt längst so. Laut einer Statistik schla­
gen Agenturen drei von vier Pitch-Einladungen aus.
Was ich noch schlimmer finde: In der Werbung wie
auch zunehmend im Bereich Personalentwicklung
und Training scheint es bei manchen Ausschrei­
bungen nur noch darum zu gehen, günstig oder
sogar kostenlos Ideen einzusammeln. Hier muss
unsere Branche dringend handeln und sich auf
klare Regeln einigen.
Immer häufiger erhalte ich Anfragen, Trainingskon­
zepte zu entwickeln, die der Kunde dann mit eige­
nen oder anderen externen Trainern durchführen
möchte. Das ist machbar, doch für solche Anforde­
rungen werden neue Geschäftsmodelle benötigt.
Der Kunde kauft externe Anbieter ein, weil die eige­
nen Trainer offensichtlich nicht über die konzep­
tionelle Kompetenz verfügen. Auf solche Modelle
sollte sich unsere Branche einstellen. In den USA
ist es vollkommen normal, dass ein Unternehmen
sich von einem Anbieter ein Konzept erstellen
lässt, das von anderen Anbietern in unterschied­
lichen Ländern umgesetzt wird. Daran müssen wir
uns in Deutschland erst noch gewöhnen.
Nützlich wäre es, für die didaktische Konzeption
gewisse Standards zu haben, die alle kennen.
Als Beispiel dient die Softwarebranche:
Dort gibt es Programmiersprachen und
definierte Schnittstellen, die es ermögli­
chen, Programme von unterschiedlichen
Herstellern miteinander zu verknüpfen.
Man unterscheidet zwischen Standardsoftware und
maßgeschneiderten Lösungen. An Open-Source-
Lösungen arbeiten Entwickler auf der ganzen Welt,
um die Software immer besser zu machen. Warum
sollte es in Zukunft nicht so ähnlich in der Perso­
nalentwicklungsbranche zugehen? Kompatibler,
individueller, offener?
Für die Weiterbildungsbranche wäre es ein erster
Schritt, wenn sich die Trainer darauf einigen wür­
den, in welcher Form ein Trainingsablauf und ein
Leitfaden zur Trainingsdurchführung erstellt werden
müssen. Sicherlich wird das Fragen aufwerfen hin­
sichtlich der Nutzungsrechte. Ein Trainingsablauf
ist quasi ein eigener Quellcode, den man nicht
jedem einfach zur Verfügung stellen sollte. Manch­
mal ist es aber innerhalb eines Projekts notwendig
und sinnvoll. Aufgrund der Tatsache, dass viele
Trainer daran kein Interesse haben, muss diese
Thematik unbedingt auf Verbandsebene diskutiert
werden.
Anbieter von Trainings werden sich daran gewöh­
nen müssen, ihre Konzepte für andere zu öffnen.
Konzeption, Produktion und Durchführung sollten
unterschiedlich bezahlt und in den Rechnungen
gesondert ausgewiesen werden. Lohnend ist der
Aufwand allemal: Durch ein optimal konzipiertes
Trainingsdesign erzielen auch durchschnittliche
Trainer gute Ergebnisse.
Gastkommentar
Die Zukunft:
Gesonderte Honorare
für die Konzeption
Albrecht Kresse
Neue Geschäftsmodelle braucht die
Branche.