09_2014
wirtschaft + weiterbildung
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Von einem „unersetzlichen“ Stürmer und „neidfreien“ Teams
Grundsätzlich sollte man vorsichtig sein, wenn man Paral-
lelen zwischen dem Leistungssport und dem Berufsleben
zieht. Sportler müssen körperliche Höchstleistung brin-
gen, Manager dagegen müssen Entscheidungen treffen
und diese gut kommunizieren. So gesehen schrumpft die
Vorbildfunktion von Sportlern. Und wenn sich Manager von
Sportlern einen extremen Ehrgeiz und eine hohe Risikobe-
reitschaft abschauen, dann können sie sogar die Existenz
ihrer Firma gefährden. Dennoch gelang es einigen Jour-
nalisten, Beratern und Professoren, aus dem Erfolg der
deutschen Mannschaft kluge Einsichten für Personalver-
antwortliche und ihre Berater abzuleiten.
Wenn der „Unersetzbare“ fehlt
Nach dem hohen Sieg der Deutschen gegen Brasilien
schrieb der Systemiker Professor Fritz B. Simon in sei-
nem Blog „Systemische Kehrwoche“ (9. Juli): „Nicht, dass
der brasilianische Superstar Neymar gefehlt hat, war das
Problem und erklärt die Niederlage, sondern, dass er so
wichtig und unersetzbar werden konnte.“ Wo eine Orga-
nisation sachliche Ziele zu erreichen habe, müsse jeder
Akteur ersetzbar sein. Das gelte erst recht auch für Unter-
nehmen, wo jeder im Prinzip austauschbar sein müsse, um
das Ganze funktionstüchtig zu halten.
Am 16. Juli machte Simon auf eine Datenauswertung der
Weltmeisterschaft aufmerksam, die zu diesem Zeitpunkt
auf „Spiegel online“ zu finden war. Diese Analyse zeigt,
was Systemiker schon lange sagen. Simon: „Es reicht
weder, wenn eine Mannschaft aus guten Einzelspielern
besteht und nicht als Team funktioniert, noch, wenn sie als
Team funktioniert, aber die individuelle Klasse der Akteure
nur mäßig ist.“ Nur wenn beide Faktoren stimmten, dann
sei jeder Einzelne in Bezug auf die Mannschaftsleistung im
Prinzip austauschbar. Und nur dann könne die kollektive
Qualität des Spiels gewährleistet werden.
Wenn Quertreiber gehen müssen
Hans-Dieter Hermann, Psychologe der deutschen Fußball-
Nationalmannschaft (Buchtipp: „Führungsspiel“, Ariston
Verlag 2013), berichtete im „Focus“ (30/2014), dass der
Bundestrainer streng darauf geachtet habe, dass kein
Teambuilding.
Die Fußballweltmeister
schaft in Brasilien lieferte Trainern und
Personalentwicklern viele „Geschichten“,
mit denen Sie jungen Nachwuchskräften
Lust machen können, die Geheimnisse der
Menschenführung zu ergründen.
Quertreiber im WM-Kader sei, der im Krisenfall eine miese
Stimmung verbreiten könne. Alle Spieler mussten „neid-
frei“ sein. Akteure, die sich bekriegten, hätten schon oft
den Leistungsgedanken einer ganzen Gruppe untergraben.
Dass Bundestrainer Löw keine Diven mitgenommen
hat, lobte auch Managementguru Reinhard Sprenger im
„Handelsblatt“ (15. Juli). Seine Forderung: Unternehmen
sollten Führungskräfte sofort von jeder Führungsverant-
wortung entbinden, die zu echter Kooperation nicht in
der Lage seien. Leider gebe es überall Leute, die nur ihr
Ding machen wollten. Sprenger: „Immer noch belohnen
Unternehmen fast ausschließlich Einzelkämpfertum. Alle
vorherrschenden Anreiz- und Bonussysteme sind deshalb
absolut kontraproduktiv.“
Wenn Fouls die Unternehmenskultur prägen
Das „Personalmagazin“ begleitete die Weltmeisterschaft
mit einer Online-Kolumne. Am 11. Juli schrieb Andrea Satt-
ler einen Blog-Eintrag darüber, dass viele Fouls während
dieser Weltmeisterschaft von den Schiedsrichtern nicht
geahndet wurden. Auch in den Unternehmen, so Sattler,
werde Fair Play oft vernachlässigt. In einer Befragung von
„Careerbuilder“ habe sich jeder zweite Arbeitnehmer über
mangelnde Wertschätzung beklagt. Die Autorin zitiert den
Wirtschaftsprofessor Michael Heuser, der betont, es sei
die Aufgabe starker Personaler klarzumachen, dass nicht
alles erlaubt sei, was nicht verboten sei. Personaler hätten
die Mittel und das Wissen, eine faire Unternehmenskultur
aufzubauen. Wer eine faire Unternehmenskultur aufbaue,
schaffe auch einen Mehrwert für das Employer Branding:
Einer Studie von Robert Half zufolge wünschen sich 95
Prozent der Befragten einen Chef, der sich fair verhält.
Martin Pichler
Foto: Akos Nagy / shutterstock.com