Seite 29 - wirtschaft_und_weiterbildung_2014_09

Basic HTML-Version

09_2014
wirtschaft + weiterbildung
29
„Eine Art Gegenkultur schaffen“
Warum brauchen Unternehmen Innovationstrainings –
sind die Mitarbeiter nicht mehr kreativ genug?
Florian Rustler:
Jeder Mensch ist kreativ oder kann kreativ
sein. Allerdings werden die nötigen Verhaltens- und Denk-
weisen weder im Bildungssystem noch in den Unterneh-
men gefördert. Wir unterstützen Firmen dabei, eine Inno-
vationskultur zu schaffen – aber greifen nicht inhaltlich ein.
Worin unterscheidet sich denn die Innovationsarbeit in
Deutschland und China?
Rustler:
Chinesische Firmen ticken meist kurzfristiger als
westliche. Das hängt mit der Mentalität zusammen, aber
auch mit dem schnelllebigen Markt und regulatorischen
Umfeld. Darüber hinaus gibt es kulturelle Unterschiede.
Oft berichten westliche Chefs, dass ihre chinesischen Mit-
arbeiter sie anschweigen, wenn sie sie auffordern, Ideen
vorzubringen. Der Grund ist nicht, dass den Chinesen
nichts einfällt, sondern dass in ihrer Kultur Hierarchie eine
große Rolle spielt. Auch entscheiden sie anders: Während
Deutsche oft ausführlich und hitzig diskutieren, stimmen
Chinesen schnell ab, um einen Gruppenkonsens zu finden.
Was bedeutet dies für Innovationstrainings?
Rustler:
Im Training durchlaufen wir – unabhängig von der
Kultur – mit den Teilnehmern einen systematischen, prak-
tischen Kreativitätsprozess und zeigen ihnen Kreativitäts-
techniken. Dabei sind allerdings einige Denk- und Verhal-
tensweisen wichtig, die der chinesischen Kultur entgegen-
stehen. Wichtig beim Entwickeln neuer Ideen ist etwa das
Denken in Möglichkeiten, also Optionen zuzulassen, ohne
sie zu bewerten. Chinesische Teilnehmer tun sich damit oft
schwer – denn sie fragen sich immer, ob das, was sie vor
ihrem Chef äußern, angemessen, richtig und gut ist.
Wie können deutsche Unternehmen damit umgehen?
Rustler:
Deutsche Unternehmen in China sollten versu-
chen, bei Innovationen eine Art Gegenkultur zu schaffen.
Dazu sollten sie explizit ansprechen, dass es zum Kreativ-
prozess gehört, beim Brainstorming alle Möglichkeiten zu
äußern. Das bestätigen uns chinesische Teilnehmer: Ist
dies einmal explizit gesagt, haben sie kein Problem mehr
damit. Des Weiteren müssen Unternehmen das Vertrauen
dafür schaffen, eine Idee als Idee zu äußern. Hier sind
die Führungskräfte gefragt, die allerdings oft vor zweier-
Interview.
Florian Rustler, Gründer der Creaffective GmbH in München, trainiert und berät
deutsche Unternehmen in China zum Thema „Innovation“. Welche Unterschiede es dabei
zwischen beiden Ländern zu beachten gilt und wie deutsche Unternehmen ihre chinesi-
schen Mitarbeiter fit für Innovationen machen können, verrät Rustler im Interview.
lei Hürden stehen: der hierarchischen zwischen Chef und
Mitarbeiter sowie der kulturellen zwischen West und Ost.
Wie kann die Führungskraft diese Hürden überwinden?
Rustler:
Bei unserem konkreten Beispiel muss die Füh-
rungskraft zeigen, dass es zunächst keine unangemesse-
nen Ideen gibt. Dabei kann sie selbst als gutes Vorbild
fungieren, indem sie etwa in der Diskussion einen unge-
wöhnlichen und etwas abgefahrenen Vorschlag liefert.
Wie können deutsche Unternehmen in China sonst
noch eine innovationsfördernde Umgebung schaffen?
Rustler:
Auch bewusst gestaltete Büroräume können Inno-
vationen stimulieren. In China gibt es in diesem Punkt
Nachholbedarf: Viele Büros entziehen den Mitarbeitern
physisch die Energie. Von finanziellen Anreizen für innova-
tive Vorschläge raten wir ab. Diese motivieren nicht nach-
haltig – das gilt übrigens für Deutschland und China. Über-
haupt sind die Unterschiede oft nicht so groß: Wenn das
Vertrauen erst da ist, ähneln sich Verhalten und Fähigkei-
ten von Chinesen und Deutschen in Innovationsprozessen.
Interview: Andrea Sattler
Florian Rustler
ist geschäfts-
führender
Gesellschafter
der Creaffec-
tive GmbH.
Foto: Petra Hennemann