07/08_2014
wirtschaft + weiterbildung
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Thema „Coaching und Therapie“ und die
damit einhergehende Frage nach Unter-
schieden oder Gemeinsamkeiten spielt in
der Literatur eine ganz besondere Rolle.
Dabei grenzt die Mehrheit der Autoren
Coaching klar von der Therapie ab. Man
ist sich aber auch darüber im Klaren, wie
schwierig es für einen Coach ist, beide
Disziplinen trennen zu können. Diese
Meinung wird von den interviewten Per-
sonalern ebenfalls vertreten.
Die 62 Nennungen („strikte Trennung“)
lassen stark vermuten, dass die Mehr-
heit der Befragten für eine Trennung von
Coaching und Therapie sind. Dennoch
scheint sich ein nicht unerheblicher Teil
der Befragten dafür auszusprechen, dass
Coachs therapeutisches Grundwissen be-
nötigen, um den Therapie-Bedarf bei den
Klienten wahrnehmen zu können. Die
Antworten zeigen, dass sich die Persona-
ler in Therapiefällen im eigenen Unter-
nehmen häufig raushalten und die wei-
tere Verantwortung und Betreuung dieser
Mitarbeiter an Experten übertragen. „Die
Befragten sind sich der Bedeutung dieses
schwierigen und elementaren Themas
bewusst“, fasst Hirsch seine Recherchen
zusammen. „Dies ist mit Sicherheit posi-
tiv zu bewerten und zeugt von Qualität
auf Seiten der Personalverantwortlichen
in der Ausübung ihrer beruflichen Posi-
tion.“
Internet-Coaching
Beim Themenfeld „Internet-Coaching“
sollten Alternativen zum persönlichen
Coaching erfragt werden. Es ging nicht,
wie der Begriff „Internet-Coaching“ zu-
nächst vermuten lässt, um Coaching,
das ausschließlich über das Internet ab-
gewickelt werden kann. Internet- oder
Online-Coaching umfasst hier alle Coa-
ching-Methoden, die nicht im persönli-
chen Miteinander zwischen Coach und
Coachee, sondern über Telefon, E-Mail,
Chat oder Video stattfinden. Das Ziel war
es, herauszufiltern, inwieweit die Befrag-
ten Offenheit und Bereitschaft gegenüber
anderen Coaching-Methoden neben dem
persönlichen „Vier-Augen-Coaching“ zei-
gen. Die Aussagen dazu konnte Hirsch zu
folgenden „Oberkategorien“ verdichten:
1.
Internet-Coaching ist keine Option (54
Nennungen)
2.
Anwendung von Maßnahmen des In-
ternet-Coachings (9 Nennungen)
3.
Offenheit und Interesse an Internet-
Coaching (40 Nennungen)
4.
Kein Bezug zu Internet-Coaching (11
Nennungen).
Viele Coachs glauben, dass Coaching
etwas ist, das im direkten Kontakt zwi-
schen Menschen abläuft und durch mo-
derne Medien nicht stattfinden kann. Die
Ergebnisse aus den Interviews zeigen ein
eindeutiges Meinungsbild der Personaler:
Alle denkbaren Formen des Internet-Coa-
ching stellen für die Mehrheit der Befrag-
ten in der Zukunft keine Alternative zum
persönlichen Coaching dar.
Dennoch zeigt man sich keineswegs ver-
schlossen gegenüber dem Thema, son-
dern gibt in den Interviews durchaus eine
gewisse Offenheit und Neugier gegenüber
dem Thema zu erkennen. Dies zeigen 40
Nennungen in der Oberkategorie „Offen-
heit“. Die Befragten gehen also mit einem
Thema, mit dem sie selbst bislang wenig
Erfahrungen gesammelt haben, sehr of-
fensiv um, beschreiben ihre aktuell ab-
lehnende Haltung klar und schließen
dennoch eine Auseinandersetzung mit
neuen Formen des Coachings in der Zu-
kunft nicht aus.
Fazit
Die Erfahrungen, die Konzerne und große
Mittelständler mit externen Coaching-An-
bietern in der Vergangenheit gesammelt
haben, sind überwiegend positiv. Dabei
versuchte das Management in den Per-
sonalabteilungen nicht, die Erfahrungen
übertrieben positiv darzustellen, sondern
beschrieb seine Erlebnisse nachvollzieh-
bar und im richtigen Verhältnis zu Aspek-
ten, die in der Vergangenheit auch mal
weniger positiv gewesen sind.
Man muss berücksichtigen, dass in den
Oberkategorien zum Thema „Erfahrun-
gen mit externen Coaching-Anbietern“
immerhin 17 Nennungen negative Erfah-
rungen mit externen Coachs ausdrücken.
Ferner gibt es immerhin zehn Nennun-
gen von Erfahrungen mit Coaching-An-
bietern, die weder positiv noch negativ
waren.
„Selbstverständlich versuchen sich Perso-
nen in Interviews immer besonders gut
darzustellen, sich und ihr Unternehmen
in einem besonders guten Licht erschei-
nen zu lassen“, schreibt der Verfasser
der Dissertation. „Im Verlauf der Arbeit
wurde im Rahmen der Hypothesenprü-
fung die Aussagekraft beziehungsweise
die Gültigkeit der empirischen Daten
überprüft“. Beim Thema der Auswahl von
Coaching-Anbietern versuchten die Per-
sonaler nicht, die Existenz von qualitativ
fragwürdigen Coaching-Anbietern weg-
zudiskutieren, zeigten sich aber souverän
und abgesichert gegenüber fragwürdigen
Anbietern.
Martin Pichler
Dr. Christof Hirsch
ist seit
vielen Jahren Personalberater
und besetzt Führungs- und
Spezialistenpositionen in
den Bereichen Handel und
Konsumgüter. In der Funktion
als Business Coach berät er
Führungskräfte in Entschei-
dungssituationen sowie zu
den Themenfeldern Konflikte,
Führung und Motivation.
Prof. Dr. Stefan Kühl
hielt 2006 als
Provokateur den Coaching-Markt auf Trab.