Seite 43 - wirtschaft_und_weiterbildung_2014_07-08

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sprach noch mehr. Damals war ich eine
von vier Inhabern eines Trainingsunter-
nehmens. Diese Frage betraf uns also alle
gemeinsam. Wir redeten kurz und offen
– und meine Kollegen ließen mir freie
Hand bei meiner Entscheidung, was ich
ihnen bis heute hoch anrechne. In den
kommenden Stunden habe ich viel abge-
wogen:
• Meine Kompromissfähigkeit: Woher
nahm ich diese Gewissheit, dass Dis-
tanz der falsche Weg wäre? Vielleicht
sollte ich es einmal ausprobieren?
• Meine Vision des Prozesses: Das macht
mich fertig, wenn ich nicht nach mei-
ner Überzeugung arbeiten kann, son-
dern angepasst folge.
• Die Lage des Unternehmens: Sie wür-
den so schnell keinen Ersatz bekom-
men. Die Maßnahme war dringend.
• Unsere Finanzlage: So schnell werde
auch ich meine geblockten Tage nicht
anderweitig verkauft bekommen, das
bedeutet eine echte Einbuße für uns.
Schließlich gewann meine Überzeugung
und ich entschied, den Auftrag abzubre-
chen. In dem Telefonat, das ich mit mei-
nem Hauptkontaktpartner führte, klärte
ich zunächst noch einmal, ob ich die An-
sage richtig verstanden hatte, und warf
konkrete Bilder auf, wie das Training ab-
laufen müsse beziehungsweise nicht ab-
laufen dürfe.
Als er mir diese Bilder bestätigte, teilte
ich ihm meine Entscheidung mit. Ich er-
läuterte, dass ich auf diese Art nicht mit
Überzeugung trainieren könne und daher
den Auftrag beende. Wenn sich die Dinge
zu einem späteren Zeitpunkt anders ge-
stalten würden, würde ich mich über
einen erneuten Kontakt freuen. Ein sol-
cher Kontakt ist bis heute nicht zustande
gekommen.
Immer mal wieder denke ich an diese Si-
tuation zurück. Ich würde heute wieder
genauso entscheiden. Und ich habe ein
paar Schlüsse aus der Situation gezogen:
• Es ist in der Auftragsklärung unabding-
bar, nach allen systemrelevanten Per-
sonen zu fragen – und nach allen ent-
scheidungsrelevanten (die fallen zwar
auch in die erstere Kategorie, aber nicht
jeder Ansprechpartner ist sich dessen
bewusst).
• Es gibt in Unternehmen immer mal
wieder Personen in Entscheiderfunkti-
onen, die anders denken als die ande-
ren Beteiligten – daher ist es besonders
hilfreich, frühzeitig zu wissen, wer den
größten Hut aufhat.
• Eine Wertepassung ist in unserem Ge-
schäft sehr wichtig.
Auch wirtschaftlicher Erfolg ist ein wich-
tiger Wert für Unternehmer – ich bevor-
zuge jedoch Wertesysteme, in denen
darüber hinaus noch weitere Begriffe
auftauchen wie Fairness, Wertschätzung
oder Ähnliches. Im Übrigen gilt: Wenn
wir als Trainer den Teilnehmern gegen-
über distanziert sind, können wir sie nie
erreichen.
Sabine Heß