Seite 37 - wirtschaft_und_weiterbildung_2014_07-08

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07/08_2014
wirtschaft + weiterbildung
37
1. Setting the Scene:
Teilnehmer
lieben War-Stories
Viele Untersuchungen belegen, dass Men-
schen durch praktische Erfahrungen viel
leichter zu überzeugen sind als durch the-
oretische Argumente. So werden Erkennt-
nisse für die Teilnehmer viel anschauli-
cher, wenn man dazu eine Geschichte
erzählt. Viele Trainer neigen dazu, sich
selbst zu inszenieren. Getreu dem Motto:
„Seht her, ich bin der Held. Das ist meine
Geschichte und ich zeige euch jetzt, wie
man das macht.“ Das schreckt meist eher
ab, als dass es seine Wirkung entfaltet.
Eine gut erzählte War-Story (zum Beispiel
die Erlebnisse eines anderen Projektlei-
ters) hat die Aufgabe, ins Thema einzu-
führen, sie soll sensibel machen für die
drohenden Gefahren. Es geht darum, die
Ausgangslage zu schildern und die Teil-
nehmer auf den notwendigen Stand zu
bringen, um die nachfolgenden Inhalte
zu verstehen. Doch Vorsicht: Ein Film
kann langsam beginnen, ein Trainer muss
rasch auf den Punkt kommen. Die Teil-
nehmer im Seminar entscheiden schnell,
ob sie das Thema spannend finden oder
ob sie besser gleich abschalten, weil Lan-
geweile droht. Die War-Story muss also
von Anfang an sitzen.
2. Konfrontation:
Die Geschichte muss
erlebbar werden
Jetzt braucht das Seminar eine Wendung.
Den Teilnehmern muss die Gefahr oder
die Schwierigkeit deutlich werden, die
sich hinter einem Thema verbirgt. Sie
müssen „am eigenen Leib“ erfahren,
worum es bei dem behandelten Thema
geht. Das geschieht idealerweise in einer
Übung. In den methodischen Themen-
bereichen gilt es, knifflige Aufgaben zu
lösen. Im Bereich Soft Skills etwa kann
man auf Rollenspiele, Outdoor-Übungen
oder andere Trainingsformen zurückgrei-
fen, die den Teilnehmern ihre Grenzen
aufzeigen. Es geht im wahrsten Sinne des
Wortes um „Grenzerfahrungen“. Diese
Konfrontation muss der Trainer gezielt
suchen. Er muss den Teilnehmern das
Scheitern vor Augen führen. Er muss
ihnen zeigen, welcher Gefahr sie sich
aussetzen, und warum sie eine Lösung
brauchen. Er muss sie damit konfrontie-
ren, was passieren könnte, wenn man die
Gefahr nicht meistert. Auch wenn sich
die Teilnehmer die Konsequenzen denken
können – der Trainer muss sie in diesem
Moment ausleuchten, sonst funktioniert
die Inszenierung nicht mehr.
3. Plot Point:
Ein Impuls von außen
bringt die Wende
Jetzt steht die nächste Wendung an: Im
Film kommt die zweite Wende meist
durch einen Impuls von außen – Show-
time für den Trainer. Jetzt kann er eine Lö-
sung anbieten, jetzt kann er Werkzeuge,
Instrumente und Methoden vermitteln.
Wer in diesem Moment zur Powerpoint-
Präsentation greift, ist selbst schuld,
wenn seine Inszenierung an Wirkung
verliert. Keine Frage, Powerpoint ist prak-
tisch und Powerpoint ist bequem. Aber
Powerpoint hat auch einen entscheiden-
den Nachteil: Es raubt dem Präsentator
Wirkung. Sobald die Charts auf der Wand
erscheinen, ist der Energiefluss zwischen
dem Trainer und seinen Teilnehmern
unterbrochen. Die Menschen lesen mit,
schauen sich die Bilder an, verfolgen
mehr oder weniger interessiert, was „da
vorne“ passiert … und plötzlich wird der
Schulungsleiter zum Schattenmann in
seinem eigenen Seminar. Außerdem wirkt
ein Trainer, der in dieser Situation beherzt
zum Marker greift und am Flipchart ar-
beitet, zupackender als ein Kollege, der
sich durch eine Reihe von Powerpoint-
Slides klickt. Er bleibt das aktive Element
im Geschehen – ganz abgesehen davon,
dass eine Slide-Show nicht mehr viel mit
der Abenteuer-Metapher zu tun hat. Wer
die ersten beiden Schritte seiner Insze-
nierung meistert, der darf beim Theorie-
input nicht nachlassen, denn gerade die
Theorie sollte unterhaltsam vorgetragen
werden. Hier darf der Trainer dem Story-
telling treu bleiben. Viele Trainer neigen
dazu, die Modelle und Methoden, die sie
im Seminar verwenden, als ihr Machwerk
erscheinen zu lassen. Es wird geflissent-
lich darauf verzichtet, die wahren Urhe-
ber zu erwähnen, in der stillen Hoffnung,
die Teilnehmer schreiben der Frau oder
dem Mann vor ihnen das „ach so tolle“
Modell zu. Auch das ist wieder eine ver-
passte Chance, denn die meisten Modelle
und Methoden stammen von interessan-
ten Autoren, bieten überraschende Hin-
tergründe und sind wie gemacht für eine
spannende Story. Warum also darauf ver-
zichten? Wer zum Beispiel unterhaltsam
erzählen kann, warum Tony Buzan die
Mindmap erfand, lässt graue Theorie le-
bendig werden.
4. Ausprobieren:
Fortschritte erlebbar
machen
Jetzt kann der Trainer, zumindest vorü-
bergehend, zum klassischen Seminarab-
lauf zurückkehren. In möglichst praxis-
nahen Übungsszenarien sorgt er dafür,
dass die Teilnehmer die zuvor vermittel-
ten Impulse verarbeiten und auf eigene
Praxis­situationen anwenden. Es geht
darum, dass sie die Modelle und Metho-
den nicht nur theoretisch kennenlernen,
sondern auch konkret umsetzen. Je realer
die Übungssituation, desto deutlicher er-
leben die Zuhörer ihre Entwicklungsfort-
schritte. Idealerweise bringen die Teilneh-
mer Übungssituationen aus dem eigenen
Berufs- und Projektalltag ins Seminar mit.
5. Ermutigung:
Den Lerntransfer
sicherstellen
Trainer sind natürlich daran interessiert,
dass ihre Teilnehmer eine erlernte Prob-
lemlösung auf eine andere, vergleichbare
Situation im Arbeitsalltag übertragen.
Vielfach klagen Auftraggeber, dass die-
ser sogenannte Transfer misslingt. Dass
Mario Neumann
hat 15 Jahre in
einem weltweiten
IT-Konzern als
Experte für Pro-
jektmanagement gearbeitet. Seit zehn
Jahren verhilft er als Trainer Projekt-
leitern zu der Fähigkeit, alle Phasen
ihrer Projekte erfolgreich zu meistern.
Als Autor hat er mit „Projekt-Safari.
Das Handbuch für souveränes Pro-
jektmanagement“ (Campus Verlag,
2012) ein Standardwerk zum Thema
Projektmanagement geschrieben. Auf
seiner Website bloggt er regelmäßig
zu Themen der Projektpraxis.
Mario Neumann
Fichtenstraße 12, 71149 Bondorf
Tel. +49(0)7457 9486001
AUTOR
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