Seite 38 - wirtschaft_und_weiterbildung_2014_07-08

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training und coaching
38
wirtschaft + weiterbildung
07/08_2014
im Arbeitsalltag nichts oder nur wenig
des Erlernten sichtbar wird, hat aller-
dings meist keine intellektuellen Gründe.
Häufig spielt Angst eine große Rolle – die
Angst, sich zu blamieren.
Was innerhalb der geschützten Atmo-
sphäre des Seminarraums noch so ein-
fach aussah, erweist sich unter dem Er-
folgsdruck des Arbeitsalltags als schein-
bar unüberwindliche Hürde. Hier muss
der Trainer eingreifen. Seine Aufgabe ist
es, die Teilnehmer zu ermutigen. Auch in
dieser Situation kann er wieder auf das
Storytelling zurückgreifen. Statt es bei der
Beschreibung und dem Ausprobieren der
Theorie zu belassen, beschreibt und kom-
mentiert er aus der eigenen beruflichen
Praxis heraus, wie man mit den Metho-
den im Arbeitsalltag umgehen kann. Sol-
che Anekdoten ermutigen die Teilnehmer,
es selbst einmal auszuprobieren.
Survivaltraining
Die Verwirklichung des Ansatzes, das
Seminar an einer einzigen, starken Me-
tapher auszurichten, beginnt schon mit
der Seminarbeschreibung. Da braucht
es Mut, aus dem tristen Einerlei der Se-
minarbeschreibungen auszubrechen,
um dem potenziellen Teilnehmer schon
lange vor dem Seminar Lust auf das zu
machen, was ihn erwartet. Ein kreativer
Grafiker, ein guter Texter, und schon wird
aus dem Projektmanagementseminar ein
Projektbootcamp – und das verspricht,
das härteste Survivaltraining zu werden,
das der Trainer zu bieten hat. Jetzt muss
er nur noch halten, was die Beschreibung
verspricht.
Im Seminarraum erwartet den Teilnehmer
an der Wand eine große Landkarte, die
sofort neugierig macht. Auf ihr sind die
wichtigsten Gefahren markiert, die den
Teilnehmer in seinem Projekt erwarten.
Noch bevor das Seminar überhaupt los-
geht, tauschen sich die Teilnehmer aus
über das, was sie auf der Landkarte ent-
decken. Nicht unterschätzen darf man
die Wirkung des Ambientes, in dem das
Seminar stattfindet. Das Seminarumfeld
soll durch ein kohärentes Bild motivieren,
aber nicht vom Ziel der Maßnahme ablen-
ken. Diesen Fehler begeht man allzu oft
im Bereich der Outdoor-Trainings. Losge-
löst vom Büro- und Projektalltag werden
dort Projektmanagement-Trainings in der
Natur durchgeführt. Die Übungen werden
nicht selten überschattet von sportlichem
Ehrgeiz oder dem Spaß am Erlebnis.
Da bleiben Lerninhalte oft auf der Stre-
cke. Doch welches Ambiente passt zum
„Abenteuer Projekte“? Der Veranstal-
tungsort darf ruhig abseits liegen. Hew-
lett-Packard beispielsweise zieht es auf
die „Tromm“, einen der höchsten Punkte
im Odenwald, umgeben von Wiesen und
Wäldern eines Naturschutzgebiets. In-
mitten dieses nahezu unberührten Land-
strichs liegt das Odenwald-Institut, das
dem Unternehmen für die Dauer seiner
Projektmanagement-Seminare ein eige-
nes Tagungshaus zur Verfügung stellt,
in dem geschlafen, aber auch gearbeitet
und gegessen wird. Selbst für das Essen
verantwortlich zu sein ist jedenfalls aben-
teuerlicher als das Rundum-Sorglos-Paket
eines teuren Seminarhotels.
Tipps für den Ernstfall, die Erlebnisse
erfahrener Projektleiter und theoretische
Hintergründe – sie fügen sich zu einem
völlig neuartigen Seminarerlebnis. So
wird für den Teilnehmer jedes Projekt
aufregend und inspirierend wie eine Sa-
fari! Mit diesem Ansatz werden nicht
nur Fähigkeiten trainiert, sondern Werte
vermittelt und Identität geschaffen – und
nichts wirkt im Arbeitsalltag nachhalti-
ger als Identität und Werte. Wie immer
man im Einzelnen dabei vorgehen mag:
Mit all den Mitteln und Techniken wird
Theorie zum Erlebnis – Aufmerksamkeit
und Beteiligung seitens der Teilnehmer
inklusive. Das Training weckt Emotionen
und mobilisiert damit jene Kräfte, die
notwendig sind, damit die Teilnehmer
das Gelernte im Projekt- und Büroalltag
auch wirklich umsetzen. Was hier ex-
emplarisch für das Projektmanagement
beschrieben wird, gilt für alle Seminare,
gleich um welches Thema es geht. Man
benötigt eine zündende Idee und eine
spannende Dramaturgie. Hilfe beim Plot
etwa kann man sich bei den griechischen
Heldensagen holen, die alle nach einem
einheitlichen Muster ablaufen.
Heldenreise
Dieses Muster, die sogenannte „Helden-
reise“, findet sich heutzutage in vielen
Hollywoodstreifen wieder. Star Wars,
Harry Potter und andere: Sie alle folgen
dem griechischen Schema. Joseph Camp-
bell hat diesen Mythos in seinem Buch
„Der Heros in tausend Gestalten“ in
allen Einzelheiten beschrieben. Angelika
Höcker hat die Heldenreise zum Thema
ihres Buches „Business Hero. Eine Hel-
denreise in 7 Etappen“ gemacht, um
damit Change Prozesse zu beschreiben
und zu begleiten. Wer sich als Trainer auf
das Storytelling als didaktische Methode
einlässt, erzielt aber nicht nur größere
Nachhaltigkeit und damit bessere Ergeb-
nisse. Das Storytelling lässt den gleichen
Sog entstehen, mit dem auch ein tolles
Buch seine Leser in die Geschichte zieht.
Trainer, Teilnehmer und Auftraggeber er-
leben, was es heißt, Teil eines spannen-
den Abenteuers oder eines packenden Ro-
mans zu sein – mit garantiertem Happy
End.
Mario Neumann
Sir Alfred Hitchcock.
Die-
ser berühmte Regisseur
beherrschte es, schritt-
weise Spannung aufzu-
bauen. Er wurde zum Vor-
bild für viele, die fesselnd
präsentieren oder unterrich-
ten wollen.
Foto: Universal Film