titelthema
22
wirtschaft + weiterbildung
07/08_2014
Achtsamkeit war laut Kets de Vries üb-
rigens eine Erfolgsstrategie von Sieg-
mund Freud. Sie war wichtig für ihn, um
rechtzeitig die „Gegenübertragungen“ in
einem psychoanalytischen Kontext zu er-
fassen. Achtsame Interventionen waren
Interventionen, die die Gefühle einer Ge-
genübertragung nutzten, dem Klient zu
helfen, sich seiner eigenen Gefühle und
Gedanken bewusst zu werden.
Das Buch vertieft aber nicht nur die
Kenntnisse der Leser zum Thema Acht-
samkeit, sondern gibt professionelle Ein-
blicke, wie Kets de Vries sich insgesamt
einen optimalen Coaching-Prozess vor-
stellt. Mit seinem Wissen und seinen Er-
fahrungen aus der Therapie will der Autor
den Lesern in diesem Zusammenhang
auch die Angst vor allzu therapeutischen
Interventionen nehmen. Das Verständ-
nis therapeutischer Ansätze könne den
Business Coachs echten Nutzen bringen,
weil sie zu einem tieferen Verständnis der
Konflikte, die sich in einem Menschen
abspielen, führten. Auch das Verhal-
ten Einzelner in einem Team oder einer
Organisation könne besser erklärt und
bearbeitet werden, wenn der Coach ein
genaueres Verständnis von zum Beispiel
den Auswirkungen verdrängter Gefühle
eines Menschen habe. Bei Managern sind
es oft die sinnlosen Schutzwälle, die diese
um sich herum aufgebaut haben, die eine
erfolgreiche Führungsarbeit ganz und gar
verhindern.
Das Buch schildert und löst in den ers
ten fünf Kapiteln aktuelle Coaching-
Probleme, die Coachs im Rahmen einer
Supervision oder auf Kongressen an Kets
de Vries herangetragen haben. Die letz-
ten drei Kapitel befassen sich eher grund-
sätzlich mit den Zielen und Techniken
des Coachings. Hier erklärt der Autor,
was man mitbringen sollte, um ein guter
Coach zu werden, der sowohl im Einzel-
gespräch als auch beim Coaching von
Teams zu guten Veränderungen beitragen
kann. Dieses Buch hilft Coachs zu ver-
stehen, was in einer Coaching-Beziehung
„below the surface“ passiert. Es ist des-
halb eine wertvolle Ergänzung zur gän-
gigen Coaching-Literatur (insbesondere,
wenn diese zu schnell das Stoppschild
„Coaching ist keine Therapie“ aufstellt).
Wertvoll ist das Buch auch, weil Kets de
Vries viele wertvolle Beispiele aus seinen
Coaching-Sitzungen mit Managern und
seinen Supervisionssitzungen mit Coa-
ching-Kollegen einfließen lässt. Coachs,
die an einer professionellen (weil tief
gehenden) Reflexion ihrer Arbeit inte-
ressiert sind, werden von diesem Buch
sehr profitieren. Ein Interview mit Kets de
Vries zu diesem Buch haben wir auf der
gegenüberliegenden Seite abgedruckt.
Albrecht Kresse:
Konzeption ist King!
Warnung: Sollten Personalentwick-
ler dieses Buch lesen, dann werden sie
ihren Trainern künftig freiwillig ein Extra
honorar für die Konzeption von Weiterbil-
dungsmaßnahmen zahlen – selbst wenn
die Einkäufer ihres Unternehmens sie
daran hindern wollen, weil die Konzepti-
onsarbeit ja angeblich schon im Tagessatz
eingepreist ist.
Kresse, Gründer und Geschäftsführer
der Edutrainment Company in Berlin, ist
Vollprofi und Überzeugungstäter, wenn
es um die Konzeption von Trainings-
maßnahmen geht. Üblicherweise werden
Trainings quasi nebenbei entwickelt – in
zu kurzer Zeit, mit viel zu wenig Input
von Experten und vor allem ohne solide
Kenntnisse über Zielgruppe, Unterneh-
menskultur und Rahmenbedingungen.
Dabei ist die Konzeption laut Kresse das
Herzstück einer erfolgreichen Weiterbil-
dung – allerdings nur, wenn die Konzep-
tion auf echter Teamarbeit beruht.
Ein gutes Konzept setzt sich demnach
aus den drei Elementen „Wissensver-
mittlung, Training und Entertainment“
zusammen. Wie man sie jeweils so kom-
biniert, dass das Lernen im Unternehmen
besser, schneller und einfacher wird, das
entscheidet ein multidisziplinäres Team
(Conzeptioner, Trainer, Projektmanager
und Spezialisten für digitale Medien, Text
und Grafik). In einem ersten Meeting
werden Ausgangslage, Zielgruppe und
Rahmenbedingungen geklärt. Erste Ideen
und ein Zeitplan werden entwickelt. Für
all dies stellt der Autor in seinem Buch
Templates vor, die dazu dienen, Informa-
tionen zu sammeln, zu strukturieren und
zu visualisieren. So entsteht ein erstes
Bild des Projekts. Um zu überprüfen, ob
der richtige Mix aus Education, Trainung
und Entertainment gelungen ist, verwen-
det das Team zusätzliche spezielle Werk-
zeuge. Soll eine Lösung optimiert wer-
den, steht ein weiteres Format parat: die
„Pimp-my-Training-Checkliste“, die aus
der Idee der morphologischen Matrix ab-
geleitet ist. Ein bestehendes Format wird
damit ganz systematisch getunt: Wie
können noch mehr Sinne angesprochen
werden? Welche zusätzliche Technik
kann das Lernziel unterstützen? Welche
weiteren Materialien können die Emotio-
nalisierung unterstützen?
In seinem Buch gibt der „Lernarchitekt“
Kresse einen erstaunlich offenherzigen
Einblick in die Art, wie er und sein Team
sich daranmachen, komplexe Lernarchi-
tekturen zu erdenken, zu verfeinern und
umzusetzen. Das Buch strahlt in erster
Line die Botschaft aus: Es wird Zeit, dass
wir das Design von Personalentwick-
lungslösungen als interdisziplinäres Feld
entdecken, systematisch entwickeln und
dafür auch passende Ausbildungen an-
bieten. In zweiter Linie ist das Buch ein
gelungenes Beispiel dafür, wie man Wis-
sen in Geschichten und Fallbeispiele ver-
packt und Abläufe und Zusammenhänge
visualisiert. Gerade die optische Ausstat-
tung des Buchs ist so überwältigend, dass
an dieser Stelle auch die verantwortliche
freiberufliche Layouterin Verena Lorenz,
München, gelobt werden muss.
R
R
Albrecht Kresse:
„Edutrainment: Bes-
ser, schneller, einfacher lernen im Un-
ternehmen“, Gabal Verlag, Offenbach,
März 2014, 272 Seiten, 49,90 Euro