Seite 21 - wirtschaft_und_weiterbildung_2014_07-08

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07/08_2014
wirtschaft + weiterbildung
21
McGrath: Kurzfristigen
Marktchancen auflauern
Viele stolze Marktführer verschwanden
in den letzten Jahren in der Versenkung,
weil sich der Markt, auf dem sie sich be-
wegten, vollkommen veränderte. Eine
unberechenbarere Nachfrage und neue
Technologien sorgten dafür, dass sich
wichtige Wettbewerbsvorteile in Luft auf-
lösten.
Rita G. McGrath, Professorin an der Co-
lumbia Business School in New York
und eine der weltweit führenden Exper-
tinnen für Strategiefragen in unsicheren
Märkten, schlägt den Unternehmen vor,
nicht mehr an langfristig stabile Wettbe-
werbsvorteile zu glauben, sondern sich
darauf vorzubereiten, dass in Zukunft
nur noch der überlebt, der Marktchancen
gezielt sucht, schnell erkennt und gründ-
lich ausschlachtet, bevor die Mitbewerber
auftauchen. McGrath spricht davon, dass
in der heutigen Zeit kurzfristige Wett-
bewerbsvorteile ausreichen („transient
competitive advantages“), um die Ge-
winne zu machen, die man zum Überle-
ben braucht.
Die Unternehmen und ihre Führungs-
kräfte müssen so schnell wie möglich
darin trainiert werden, den Status quo re-
gelmäßig in Workshops infrage zu stellen,
möglichst viele unterschiedliche Meinun-
gen zu aktuellen Strategiefragen einzuho-
len und ständig in Optionen und Alterna-
tiven zu denken. Junge Talente müssen
ab sofort danach ausgewählt werden, ob
sie schnell sein und zupacken können
und genug Widerspruchsgeist haben.
Früher kam es darauf an, nach Fakten zu
suchen, die die Richtung des Vorstands
bestätigen. Jetzt ist es überlebenswichtig,
nach widersprechenden Informationen
zu fahnden.
Als Beispiel führt sie die Entwicklung
von Fujifilm an, ein Unternehmen, das
vorbildlich auf die Erfindung der Digital-
kamera reagierte – während sein Wettbe-
werber Kodak ungeschickt in die Pleite
taumelte. Für die nächsten 15 Jahre sagt
die Autorin ein Sterben von Universitäten
vorher, weil sie nicht in der Lage seien,
auf die neue Form einer qualitativ hoch-
wertigen Wissensvermittlung (kostenlose
MOOCs von angesehenen Top-Universi-
täten) zu reagieren. Das Buch bietet wich-
tige Denkanstöße für alle Trainer und Be-
rater, die sich mit Strategieentwicklung
und Strategieumsetzung befassen. Es lie-
fert nützliche Anleitungen, wie man ein
Unternehmen begleiten kann, das konti-
nuierlich gezwungen ist, seine Strategie
zu überdenken.
McGrath erläutert im letzten Kapitel
auch, was es für den einzelnen Angestell-
ten und die freiberuflichen Berater bedeu-
tet, wenn die Unternehmen in Zukunft
auf der Jagd nach kurzfristigen Markt-
chancen sein werden. Ihre Vorhersage:
Die Strategie der Mitarbeiter wird sein,
mehr ihre individuellen Fähigkeiten der
wachen Chancenwahrnehmung und der
zupackenden Chancenverwertung in den
Mittelpunkt zu stellen. Das kann sogar so
weit gehen, dass sich jenseits aller Hierar-
chien und Teams einzelne Menschen als
„Superstars“ der Chancenerkennung ver-
markten, die dann statt einer langfristigen
Karriere in einer Organisation viele kurze
Beschäftigungsverhältnisse anstreben.
Managern, die eine offene Weiterbil-
dung buchen, rät die Autorin, darauf zu
achten, dass möglichst unterschiedliche
Teilnehmer kommen und eine intensive
Vernetzung untereinander ermöglicht
wird. Nur so könne man seinen Horizont
erweitern, neues Wissen reflektieren und
sich auf die Zukunft vorbereiten.
Kets de Vries: Antennen
ausfahren und wahrnehmen
Ein Journalist besucht einen Zen-Meister,
um die Geheimnisse des Zen-Buddhis-
mus zu erforschen. Zuerst trinken sie
Tee. Der Zen-Meister schüttet sehr zum
Entsetzen des Journalisten den Inhalt
einer ganzen Teekanne in dessen Tasse.
„Wie die Tasse sind Sie voll von Ihren
Ansichten und Spekulationen“, sagt der
Meister zum Schreiber. „Wenn Sie etwas
verstehen wollen, leeren Sie zuerst Ihre
Tasse!“ Die Parallele zum Coaching ist
für den Ökonomen und Psychoanalytiker
Kets de Vries offensichtlich: „Ein Coach
muss mit offenem Geist zuhören, wenn
der Coachee ihm etwas zu erklären ver-
sucht“, so Kets de Vries. Der Coach solle
wachsam mit einer „leeren Tasse“ star-
ten. Aber leider sei das nicht immer der
Fall. Mehr Achtsamkeit führe dagegen zu
weiseren Urteilen darüber, was für den
Verlauf einer Coaching-Sitzung wichtig
sei und was nicht. Eine nachdenkliche
Haltung einzunehmen, gebe dem Kli-
enten Raum, selbst mehr nachzudenken
– was letztlich zu einer größeren inne-
ren Reife führe. „Die meisten Menschen
erreichen etwas, indem sie etwas tun.
Ein Coach erreicht etwas, indem er sich
die Zeit nimmt zu beobachten, bevor er
etwas tut“, betont der Insead-Professor.
R
Rita Gunther McGrath:
„The End of
Competitive Advantage: How to Keep
Your Strategy Moving as Fast as Your
Business“ (englisch), Harvard Business
School Press, 2013, 256 Seiten,
20,95 Euro
Manfred F. R. Kets de Vries:
„Mindful
Leadership Coaching: Journeys into the
Interior“ (englisch), Insead Business
Press, Paris, April 2014, 241 Seiten,
36,40 Euro