Seite 20 - wirtschaft_und_weiterbildung_2014_07-08

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20
wirtschaft + weiterbildung
07/08_2014
„Designing Organizations“:
Vermächtnis eines Vordenkers
Das „Center for Effective Organizations
at the University of Southern California“
gilt als „eines der wichtigsten Kraftzen-
tren“ der USA (Dr. Rolf Th. Stiefel), wenn
es darum geht, praxisrelevantes Wissen
zum Thema „Change Management“ zu
produzieren. Jay R. Galbraith war dort
einer der angesehensten Wissenschaftler,
der ausgesprochen praxisnah arbeitete
und dessen Name zum Synonym für „Or-
ganizational Design“ wurde.
Galbraith ist leider am 8. April 2014 an
Krebs gestorben. Er konnte aber noch die
überarbeitete dritte Auflage seines Klassi-
kers „Designing Organizations“ fertigstel-
len. Das Buch ist deshalb so wichtig, weil
– je komplexer die Verhältnisse werden –
ein Grund für die Leistungsfähigkeit eines
Unternehmens in einem gelungenen Or-
ganisationsdesign liegt. Externe Faktoren
(Markt, Technologien, gesellschaftliche
Entwicklungen) sowie interne Herausfor-
derungen (bereichsübergreifende Zusam-
menarbeit, Innovationskraft, Verände-
rungsfähigkeit) haben die Beschäftigung
mit dem Organisationsdesign zu einer
Führungsaufgabe gemacht.
Das Buch „Designing Organisations“
startet mit Galbraiths „Star Model“. Ein
gutes Design besteht demnach aus fünf
Komponenten („Sterne“). Sie sollten auf-
einander abgestimmt sein und sich ge-
genseitig unterstützen: Am Beginn jeder
Designarbeit gilt es erstens die „Unter-
nehmensstrategie“ zu beachten, weil sie
die langfristige Entwicklungsrichtung vor-
gibt. Dann folgt zweitens die „Struktur“,
die aus der Strategie abgeleitet wird und
die Verantwortlichkeiten, Rollen und die
Beziehung zwischen den Funktionen be-
schreibt. Drittens spielen die „Prozesse“
eine Rolle: Welche Koordinationsmecha-
nismen werden benötigt? Wie werden
Entscheidungen getroffen? Wie wird über
(Abteilungs-)Grenzen hinweg zusam-
mengearbeitet? Viertens geht es um die
„Belohnungssysteme“, die die Ziele der
Organisation unterstützen. Dazu müssen
die erbrachten Leistungen in irgendeiner
Form gemessen werden. Fünftens geht
es um den Umgang mit den Menschen.
Werden sie empowered? Wie ist die Per-
sonalentwicklung in die Organisation in-
tegriert?
Für Galbraith ist eine Organisation ein
informationsverarbeitendes System. Je
mehr (unsichere) Informationen auf ein
Unternehmen einstürmen, desto radikaler
muss sich auch das Organisationsdesign
verändern (Dezentralisierung, Outsour-
cing, sich selbst steuernde Netzwerkorga-
nisation …). In der dritten Auflage seines
Buchs kommt deshalb auch zum ersten
Mal den „Sozialen Medien“ eine bedeu-
tende Rolle zu. Jeder einzelne Mitarbeiter
kann sich jetzt via Blog, Twitter oder Wiki
mit Kollegen austauschen, mit denen er
früher nie in Kontakt gekommen wäre.
Welche Synergien möglich sind, wenn
das Organisationsdesign (und damit zum
Beispiel auch das Belohnungssystem)
darauf Rücksicht nimmt, beschreibt
Galbraith ausführlich. Und er hat sogar
ein Kapitel angefügt, das die Verände-
rungen aufzeigt, die in Kürze dadurch
kommen werden, dass „Big Data“ den
Prozess des Organisationsdesigns beein-
flusst. Alle theoretischen Überlegungen
werden durch Beispiele von Firmen
wie BMW, IBM, Nike, Walt Disney oder
Kellogg‘s untermauert.
Galbraith ist kompatibel mit der Gedan-
kenwelt der systemischen Organisati-
onsberatung. Das zeigt zum Beispiel
das neue Buch des Wiener Systemikers
Reinhart Nagel mit dem Titel „Organi-
sationsdesign: Modelle und Methoden
für Berater und Entscheider“ (Schäffer-
Poeschel, 2014). Es ist das erste deutsch-
sprachige Buch, das sich explizit mit dem
Organisationsdesign von Unternehmen
beschäftigt. Nagel bezieht sich auch auf
Galbraith, kommentiert dessen Prozess
der Organisationsgestaltung und liefert
zusätzlich 40 Leitfäden, Fragebögen und
sonstige „Werkzeuge“ für Berater, die bei
der Konzeption einer geeigneten Organi-
sationsarchitektur helfen können. Wie
von einem Systemiker nicht anders zu
erwarten, spielt das „Eigenleben“ einer
Organisation dabei eine große Rolle.
04.
... wie wichtig die individuelle
Konzeption
von Seminaren für
den Lernerfolg ist
05.
... wie das Pareto-Prinzip
in
die Praxis umgesetzt werden
kann
06.
... wie das Internet-Zeitalter
ganz
neue Führungsprinzipien
hervorbringen wird
R
Jay R. Galbraith:
„Designing Organiza-
tions: Strategy, Structure, and Process
at the Business Unit and Enterprise
Levels“ (englisch), John Wiley & Sons,
New York, 3. Auflage, März 2014,
352 Seiten, 35,97 Euro