Seite 23 - wirtschaft_und_weiterbildung_2014_07-08

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07/08_2014
wirtschaft + weiterbildung
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„Viele Coachs laufen einfach nur auf Autopilot“
Der Titel Ihres neuesten Buchs lautet „Mindful
Leadership Coaching“. Schwimmen Sie jetzt auch auf
der Achtsamkeitswelle mit?
Manfred F. R. Kets de Vries:
Sie können es auch authen-
tische oder reflektierte Führung nennen. Der Begriff „Acht-
samkeit“ geht auf zwei Traditionen zurück. Die eine und
wichtigere ist der Zen-Buddhismus, die andere die Psycho-
analyse mit dem Phänomen der Übertragung und Gegen-
übertragung.
Was heißt das konkret?
Kets de Vries:
Als Coach muss ich mir auch bewusst darü-
ber werden, was ein Klient bei mir auslöst. Klienten kön-
nen die Sitzung kontrollieren oder den Coach geschickt
umgarnen. Ich versuche bei jeder Coaching-Sitzung
herauszufinden, was da eigentlich alles abläuft. Allerdings
geht es nicht darum, dem Klienten sofort seine Analysen
zu präsentieren. Ein guter Coach muss auch wissen, wann
er besser schweigt. Ich versuche immer, mich zu kontrol-
lieren, wenn mir ein Klient zum Beispiel nicht genug Raum
dafür gibt, ihn zu unterstützen. Aber manchmal hat man
als Coach auch einfach zu wenig Zeit. Dann kann es pas-
sieren, dass ich stärker interveniere und der Klient mich
erst einmal dafür hasst. Meist merkt er erst nach einem
halben Jahr, dass es richtig war.
Also mehr Selbstreflexion beim Coach?
Kets de Vries:
Auf jeden Fall, viele Coachs laufen doch ein-
fach auf Autopilot. Die coachen wie die Wilden, ohne ein-
mal über die Frage nachzudenken: Warum tue ich das, was
ich tue? Sie sprechen zwar über reflektierte Führung, sind
dabei aber selbst kein gutes Rollenmodell. Ein Psychoa-
nalytiker braucht ein gutes Verständnis für seine eigenen
Neurosen. Auch ein Coach sollte wissen, wie er tickt. Aber
viele haben keine Ahnung von sich selbst.
Ein Kapitel in Ihrem Buch handelt vom Rettersyndrom.
Wie verbreitet ist das bei Coachs?
Kets de Vries:
Sehr verbreitet. Fast immer stehen dahin-
ter Probleme in der Kindheit. Der Klient wird zum Opfer
gemacht und es entsteht eine gegenseitige Abhängigkeit,
wobei nicht immer klar ist, ob der Retter damit vor allem
sich selbst und weniger dem Klienten hilft. Und nicht sel-
ten verstricken sich Retter und Opfer in einen Teufelskreis.
Interview.
Prof. Dr. Manfred F. R. Kets de Vries (71), Inhaber des Lehrstuhls für Leadership
Development und Direktor des Insead Global Leadership Centre an der renommierten
Business School Insead in Fontainebleau bei Paris, fordert von Business Coachs mehr
Selbstreflexion.
Als Psychoanalytiker tun Sie sich leicht ...
Kets de Vries:
Ein Coach braucht ein gutes psycholo-
gisches Training und ein solides Verständnis von Per-
sönlichkeit. Als Coach muss ich zum Beispiel realisieren
können, wenn ein Klient eine bipolare Störung hat und ich
muss wissen, dass er eine medikamentöse Behandlung
braucht. Coaching allein genügt da nicht.
Sie setzen stark auf Gruppen-Coaching für
Führungskräfte. Warum?
Kets de Vries:
Weil es einfach wirksamer ist. Ich begleite
am Insead pro Jahr eine Gruppe von 20 Vorständen über
ein Jahr. Vorher holen sie sich ein 360-Grad-Feedback ein
und die Gruppe hilft ihnen dann, ihre Ergebnisse besser zu
verstehen, zu akzeptieren und konstruktive Handlungen für
den Alltag daraus abzuleiten. Aber vor allem kontrolliert die
Gruppe sich selbst bei der Umsetzung.
Machen Sie das auch mit Managementteams?
Kets de Vries:
Ja, ein paarmal im Jahr. Besonders effektiv
ist das bei der Umsetzung von Strategien. 95 Prozent der
Arbeit besteht doch darin, dass die Dinge auch tatsächlich
gemacht werden und da hilft ein Gruppen-Coaching enorm.
Aber das erfordert natürlich vom Coach viel Können. Denn
da hat man es nicht nur mit einem Teilnehmer zu tun, son-
dern auch noch mit der Gruppendynamik.
Interview: Bärbel Schwertfeger
Foto: Pichler
Manfred Kets de Vries
auf einer ESMT-Tagung
im Jahr 2013 in Berlin.